1000 Peitschenhiebe für Religionskritik

Von Ensaf Haidar - Picture provided by PEN International, CC BY-SA 3.0

Günter-Wallraff-Preis für Journalismuskritik geht an den saudischen Blogger Raif Badawi

Die Initiative für Nachrichtenaufklärung e.V. hat am Freitag zum 5. Mal den Günter-Wallraff-Preis für Journalismuskritik verliehen. Der Ehrung geht jährlich an Personen oder Institutionen, die sich laut INA auf originelle und ausgewogene Weise kritisch mit dem Journalismus auseinandersetzen. Die mit jeweils 5.000,- € dotierte Auszeichnung ging diesmal an einen entschiedenen Streiter für Meinungs- und Pressefreiheit, nämlich an den saudischen Journalisten Raif Badawi. Vor einem Jahrzehnt hatte Badawi trotz Repressalien das "Saudische liberale Netzwerk" gegründet, seine religionskritischen Blogposts wurden von Zeitungen nachgedruckt. So schrieb Badawi etwa:

"Die Hauptmission einer jeden Theokratie ist es, jegliche Vernunft zu töten, den historischen Materialismus und den gesunden Menschenverstand rigoros zu bekämpfen und die Massen, so gut es geht, in die absolute Verdummung zu treiben."

Wegen "Beleidigung des Islam" wurde Badawi zu zehn Jahren Haft und 1000 Peitschenhieben verurteilt. Die ersten 50 waren öffentlich durchgeführt worden, seither sitzt Badawi seit sieben Jahren hinter Gitter. Eine ihm nahegelegte Flucht hatte Badawi aus Prinzip abgelehnt. Augrund des Konzepts der Sippenhaft wurde letztes Jahr auch Badawis Schwester inhaftiert.

Den Preis nahm Badawis Frau Ensaf Haidar entgegen, die rechtzeitig mit den Kindern das Land verlassen hatte. In seiner Laudatio würdigte Günter Wallraff Badawi als einen Visionär, dessen Bedeutung weit über die Kritik am saudischen Gottesstaat hinausreiche. Um Badawi sei es leider inzwischen zu ruhig geworden, was seine Hinrichtung wahrscheinlicher mache. Allein dieses Jahr wurden in Saudi-Arabien bereits über 100 Menschen exekutiert.

Preisstifter und Peisträger sind Seelenverwandte: Wallraff war 1974 selbst von Geheimpolizisten zusammengeschlagen, verhaftet und gefoltert worden, als er während der griechischen Militärdiktatur auf dem Syntagma-Platz Flugblätter verteilt hatte. 1993 versteckte er in Köln den wie Badawi mit einer Fatwa belegten religionskritischen Autor Salman Rushdie zu einer Zeit, als etwa die Lufthansa den Transport des Dichters ablehnte. Für die Pressefreiheit in Deutschland kämpft Wallraff seit vier Jahrzehnten vor Gericht, wo er vor allem in Hamburg seltsame Erfahrungen machte.

Bei der vom Deutschlandfunk ausgerichteten Preisverleihung wurde auch der hiesige Einfluss der Religionsgemeinschaften auf die Medien nicht ausgespart. So kritisierte Politikerin Ingrid Matthäus-Maier, dass im öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht nur eine Vielzahl an christlichen Gottesdiensten übertragen würden, sondern auch den Journalisten häufig die Distanz fehle. Michael Schmidt-Salomon von der atheistischen Giordano Bruno Stiftung wies auf die wenig bekannte Tatsache hin, dass etwa das ZDF die nicht als religiös gekennzeichnete Sendung 37 Grad von drei Redaktionen betreuen lasse, von denen eine katholisch, eine evangelisch und eine säkular besetzt sei.

Ein weiterer Preis wurde diesmal an das European Journalism Observatory vergeben, das Trends im Journalismus und in der Medienbranche beobachtet und Journalismus-Kulturen in Europa und den USA vergleicht, um so einen Beitrag zur Qualitätssicherung im Journalismus zu leisten.

[Disclosure: Der Autor ist Rechtsanwalt von Günter Wallraff.]