20th Century Politics

Geht es nur mir so oder irritiert uns an diesem Trump-Telefonat mit der Ukraine nicht vor allem eines?

Also, Twitter noch einmal kurz zur Seite. Seit zwei Wochen hat man eh das Gefühl, dass ein Maniker US-Präsident ist und jetzt ausprobieren will, wieviele Tweets in so ein Internet hineinpassen. Das wollen wir jetzt einfach mal testen, denkt der sich.

Also: Bitte jetzt einfach einmal beiseite. Seit zwei Wochen geht es nun schon um diese Ukraine und ein Telefonat, in dem der eine Staatschef gegen 400 Millionen $ Militärhilfe "um einen kleinen Gefallen" bittet. Am Telefon.

Ich wiederhole: am Telefon.

Nicht dass wir schon das 21. Jahrhundert schreiben, nicht dass wir schon vor 50 Jahren auf den Mond geflogen wären und inzwischen ein digitales weltweites Netz um uns herum gespannt hätten. Nein, diese fehlfrisierte Staatslenkerfarce mit schlecht sitzender Krawatte in Überlänge telefoniert wie im letzten Jahrhundert mit seinem Artgenossen. Vermutlich hat er dabei immer noch ein Bakalit-Telefon vor sich und kurbelt wie wild an einer Wählscheibe, bis er mit Moskau verbunden ist. Dann stellt er irritiert fest, dass er den falschen Präsidenten in der Leitung hat, will noch einmal kurz wissen, ob denn in Russland alles soweit in Ordnung wäre, und legt dann auf.

Dann wählt er noch einmal. Dieses Mal hat er Kiew an der Leitung. Endlich kann er in Ruhe um einen Gefallen bitten. Das muss man sich einmal vorstellen, dass im 21. Jahrhundert noch Wähltelefone im Einsatz sind, wenn es um Gespräche zwischen Staaten geht. So als wäre Videokonferenz nie wirklich erfunden worden. Ich glaube einfach nicht, dass Donald Trump vor einer Videokamera saß, sondern wie wir auf allen Fotografien sehen können, hat er mit der Ukraine telefoniert.

Ein Präsident, der mit einem Marker Hurrikanes einzeichnet, ist vermutlich auch telekommunikationstechnisch noch nicht in der Jetztzeit angekommen. Ich glaube auch bis heute nicht daran, dass er wirklich selbst twittert, sondern seine Kassiber mit einer Brieftaube zu seinem Privatsekretär schickt, der dann sofort einen reitenden Boten in das Twitter-Hauptquartier entsendet, wo dann alles feinsäuberlich mit einem Markerstift hingeschrieben, eingescant und dann buchstabenerkannt in die Welt getragen wird.

Nein, dieser Präsident lässt vermutlich auch wie damals Richard Nixon alle Gespräche im Weißen Haus auf Magnetband mitschneiden. Wenn behauptet wird, dass jetzt Protokolle auf Servern liegen, dann muss es sich schlichtweg um ein Missverständnis handeln. Ich vermute, sie wurden schön sortiert in Briefumschlägen eingetütet und verrotten jetzt im Keller.

Nein, ich glaube dieser Präsident ist einfach nicht zeitgemäß. Oder vielleicht ist der einfach viel klüger als ich. Denn wenn er solche alten Techniken benutzt, dann kann ihm schwer etwas nachgewiesen werden. Wer schreibt schon ein Telefonat mit. Wer bringt schon rechtzeitig eine Brieftaube um. Wer schaut schon im Keller nach. Und deshalb wird der Kongress auch kein belastendes Material finden. Denn wo nichts Digitales ist, kann auch nichts kopiert werden. Es sei denn von kleinen indischen Kindern, die barfuß in Kalkutta nächtelang das Geschwafel eines US-Präsidenten abschreiben müssen. Und so gemein ist nicht mal er, das von den armen Kinderchen zu verlangen.