50 Jahre Dr. Who: die Jubiläumsfolge auf Fox und ein persönlicher Rückblick (Teil 1)

Außer Kontrolle

Zum 50jährigen Fernsehjubiläum von Dr. Who sendet Fox eine Extrafolge. Danach kommt ein neuer Doktor.

Am 23. November 2013 wird es in vielen englischen Haushalten, obgleich der offizielle Tag hierfür eigentlich der 3. April ist, ein besonderes Gericht geben: Fischstäbchen mit Vanillesauce. Geschuldet wird dieses doch etwas seltsam anmutende kulinarische Erlebnis dem Umstand, dass am 23. November ein besonderes Jubiläum gefeiert wird: 50 Jahre Dr. Who. Am 23.11.1963 wurde die erste Folge jener Serie gesendet, die sich nicht nur in vielerlei Hinsicht von anderen Science-Fiction Serien unterscheidet, sondern auch in Bezug auf Musik und Einfluss auf die Popkultur in Großbritannien allgemein bisher herausragt.

Das australische Musikwunderkind Ron Grainer begann sich bereits im Alter von vier Jahren für Musik zu interessieren. Mehr noch, er lernte sowohl Klavier wie auch Geige zu spielen und konnte nahezu instinktiv Klavierstücke nachspielen, als er noch "fast zu klein war, um die Pedale zu erreichen".

Nachdem er als Soldat der Royal Australian Air Force im zweiten Weltkrieg verletzt wurde, was das Ende seiner militärischen Laufbahn bedeutete, wandte er sich erneut der Musik zu und studierte an der New South Wales State Conservatorium of Music, unter Eugene Goossens, jenem Musiker, dessen Beziehung zu der "Witch of Kings Cross" Rosaleen Norton ihm beinahe zum Verhängnis geworden war, da in der damaligen Zeit ein Verhältnis mit einer Frau, die offen dem Okkulten frönte, einen Skandal bedeutete.

Erst Jahre später zog Ron Grainer, zusammen mit seiner Frau und der Stieftochter, nach London und machte sich dort einen Namen als Filmmusikkomponist. Zu seinen Werken gehören u.a. auch zahlreiche Filmmusiken für die bekannten Filme um den französischen Ermittler Maigret. Die Filmmusik, die er für Dr. Who entwarf, sollte jedoch erst durch den Einsatz von Delia Derbyshire zu jenem Musikstück werden, das trotz diverser Modifikationen noch heute im wesentlichen als Titelmedlodie dient. Lange bevor elektronische Musik ihren Siegeszug antrat, schuf Delia Derbyshire ein einzigartiges Stück, indem sie Ron Grainers Vorlage durch Loops, Splits, Einfügen von "weißem Rauschen" und vielem mehr zu etwas werden ließ, was Ron Grainer kaum als sein eigenes Werk wiedererkannte.

Delia Deryshire trat jedoch, obgleich Ron Grainer dies wünschte, nicht als Co-Autorin der Musik in Erscheinung, da die BBC die Mitglieder des BBC Radiophonic Workshops geheimhalten wollte. Diese Regelung führte dazu, dass Delia Derbyshire auch finanziell nicht an den Tantiemen beteiligt wurde.

Wie die gesamte Serie hatte auch die Filmmusik großen Einfluss im Bereich der Popkultur. Es existieren zahlreiche Remixe oder Interpretationen, unter anderem eine Live-Aufführung der britischen Gruppe Orbital, eine Version, in der der dritte Doktor Jon Pertwee das Stück mit gesprochenem Text kombinierte und unter anderem die bekannten Worte "I am the doctor" addierte.

Eine der bekanntesten Versionen der Filmmusik ist jene, die die britische Gruppe KLF herausbrachte und die ihr zu einer Nummer 1 verhalf. KLF, bekannt für ihre Exzentrik, vermischte das Original mit Stücken von Gary Glitter, dem gerade auch in England bekannten "Loadsamoney" von Henry Enfield und Sweets "Block Buster".

Passend zum Titel nannten sich KLF für dieses Projekt auch "Timelords", war doch der Doktor der letzter Vertreter der Rasse der Timelords (später sollte dies in einer Art Retkon, also einer Umdefinierung der Vergangenheit von fiktiven Personen oder Umständen, abgeändert werden, so dass der Doktor auch andere seiner Rasse treffen konnte, was nicht immer gut ausgesehen sollte). Bill Drummond und Jimmy Caughty gaben an, das Auto, welches im Video zu "Doctorin' the Tardis" zu sehen war, hätte zu ihnen gesprochen, sich als Ford Timelord ausgegeben und verlangt, dass sie sich selbst in "Timelords" umbenannten.

Eine Forderung, der die beiden Musiker nachgaben und sich somit zu jener Zeit als "Time Boy" und "Lord Rock" bezeichneten. An und für sich, so gaben die Bill Drummond und Jimmy Caughty später zu, hatten sie sich eher an einem House-Track versuchen wollen, stellten jedoch fest, dass dies nicht hinreichend funktionierte, weshalb sie stattdessen einfach darauf umsattelten, einen Song zu komponieren, der als idealer Popsong schlichtweg an die Spitze der Hitparade gehörte.

Neben der Liveversion von Orbital allein existiert auch eine Version, in der der elfte Doktor, Matt Smith, gemeinsam mit Orbital auftrat. Hier ist die Begeisterung des Dr. Who-Darstellers zu spüren, gleiches gilt für jenes Video, in dem Matt Smith gemeinsam mit Karen Gilliam den Titeltrack "singt" bzw. durch Töne wiedergibt.

Eigentlich sollte Dr. Who eine Art Bildungsfernsehen darstellen, das Zeitreisenkonzept dazu dienen, gerade auch Kindern sowohl wissenschaftliche Fakten wie auch historische Begebenheiten näherzubringen. Doch das Konzept, welches Sydney Newman schließlich vorlegte, brachte Probleme mit sich, denn "bug eyed aliens" waren in einem Familienprogramm nicht vorgesehen und verpönt. Für Science Fiction wie auch Comicfreunde ist die Anfangsgeschichte des Dr. Who auch deshalb interessant, weil die Serie ursprünglich "The Mutants" heißen sollte, gleiches gilt für die populären mutierten Helden des Marvel Universums X-Men.

Sydney Newman war selbst ein begeisterter Leser von Science Fiction Literatur, für ihn stellte diese Art der Literatur insbesondere auch eine Art Blankoscheck dar, um etwas Unschönes über die Gesellschaft zu sagen, ohne dafür kritisiert oder verfemt zu werden. Die Idee, zwischen der Sportsendung "Grandstand" und der Popmusiksendung "Juke Box Jury" Platz für eine Science Fiction Serie zu schaffen, war insofern zu verlockend, als dass die Ablehnung der "käferäugigen Außerirdischen" hier den ursprünglichen Plan wieder verwerfen würde.

Sydney Newman war es auch, der gleich zwei Aspekte der Serie kreierte, die bis heute für Dr. Who charakteristisch sind. Zum einen die TARDIS, eine Zeitreisemaschine, die "innen viel größer ist, als von außen zu sehen" und den Doktor an sich. Den Namen Dr. Who jedoch sollte Rex Tucker kreieren, wobei dies von Hugh David, einem engen Freund Tuckers behauptet wurde, während Rex Tucker selbst eher Sydney Newman als Wortschöpfer ansah.

Sydney Newmans Wunschkandidaten in Bezug auf die Produktion, Shaun Sutton und Don Taylor, lehnten überraschenderweise die Umsetzung des Konzeptes ab, was Sydney Newman auf die waghalsige Idee brachte, Verity Lambert einzusetzen, die zuvor weder etwas Eigenständiges geschrieben oder produziert hatte, von Regie ganz zu schweigen. Doch zu aller Überraschung gelang Verity Lambert ein Meilenstein der Unterhaltung und der Science Fiction.

Die "bug eyed monsters", also jene oft mit riesigen Augen und Tentakeln versehenen Außerirdischen, die voller Blutlust und Vernichtungsdrang waren - insbesondere auch gegenüber der weiblichen Bevölkerung -, deren tropfende Tentakel oft nichts anderes waren als schlecht getarnte ejakulierende Penisse, wollte Sydney Newman in seiner Serie nicht haben, doch Verity Lambert setzte sich durch und fügte die Daleks in das Konzept ein, jene Rasse, die bis heute als Erzfeind des Doktors gilt und trotz ihrer eher lächerlichen Form gefährlich ist.

Den "bug eyed monsters" setzte der mancunische Literat/Musiker John Cooper Clark später ein Denkmal, in dem er Kritik am Rassismus mit einer Liebesgeschichte zwischen einem Menschen und einer Außerirdischen mit Tentakeln verquickte.

We walked out - tentacle in hand
you could sense that the earthlings would not understand
they'd go, nudge nudge when we got off the bus
saying it's extra-terrestial - not like us
and it's bad enough with another race
but fuck me, a monster from outer space

In a cybernetic fit of rage
she pissed off to another age
she left in 1999
with her new boyfriend - a blob of slime
each time I see her translucent face
I remember the monster from outer space

Die BBC, die die erste Folge schließlich genehmigte, machte es zur Bedingung, dass die zweite Folge ein Erfolg sein müsste. Dieser Druck, der bei Serien oft ausgeübt wird, hat schon manche Serie vorzeitig zu Fall gebracht und in der heutigen Zeit haben sich glücklicherweise Dienste gefunden, die Serien aufkaufen und ihnen Chancen geben, auch wenn diese anfangs noch nicht mit hohen Quoten gesegnet werden.

Zu jener Zeit lag jedoch lediglich ein weiteres Drehbuch vor – jenes, das die " Daleks" als Feinde einführte, tintenfischartige Wesen, die in an rollende Pfefferstreuer erinnernde Rüstungen mit blinkenden Lichtern und einer Art trompetenförmigen Waffe gehüllt sind. Die schnarrende Stimme der Daleks sowie auch deren typisches "Exterminate" sollten aus der britischen Popkultur nicht mehr wegzudenken sein und brachten der BBC den ersten großen Merchandise-Boom ein. Noch heute gibt es vom Schlüsselanhänger bis zum beleuchtenden Papierkorb oder dem Dalek-Pfefferstreuer eine Vielzahl von Merchandise-Artikeln.

Am 23. November 1963 wurde schließlich die erste Folge jener Serie ausgestrahlt, die bis 1989 mit immerhin 26 Staffeln aufwartete, bis sinkende Zuschauerzahlen, ein ungünstiger Sendeplatz und abnehmendes Interesse an Dr. Who im Allgemeinem dazu führte, dass die Serie eingestellt wurde. Es sollte bis 2005 dauern, bis Dr. Who wieder den Weg ins Fernsehen zurück fand.

Am 23. November 2013 sendet Fox die Jubiläumsfolge, in der die letzten beiden Inkarnationen des Doktors, Matt Smith und David Tennant, gemeinsam auftreten. Die Jubiläumsfolge wird um 21.00 Uhr gesendet, der neue Dr. Who wird dann in Kürze seinen Dienst antreten.

Eine Anmerkung am Schluss:

Obgleich ich mich verhältnismäßig kurz fassen wollte, war schon diese kurze Einführung alles andere als kurz. Um zu vermeiden, dass eine Textwüste zu Ermüdung führt, werde ich statt eines langen Textes meine weiteren, teilweise auch persönlichen Eindrücke usw. auf die einzelnen Staffeln aufteilen und so den Text hoffentlich lesbarer gestalten. Denjenigen, die Dr. Who nicht mögen, sei insofern schlicht empfohlen, die Blogbeiträge, die mit Dr. Who gekenzeichnet sind zu meiden :)

Teil 2 am Montag, dem 25. November: die frühen Jahre und wie man es vermeidet, dass die Serie durch Tote, Gehaltsverhandlungen oder Ähnliches stirbt.

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