500.000 $ für einen toten Agenten

George Joannides - By CIA FOIA files - US Government, Public Domain

(Bild:  https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=29232669)

Seit 15 Jahren verklagt Autor Jefferson Morley die CIA auf Freigabe der Akten über George Joannides

Zu den profiliertesten Forschern über das Attentat auf John F. Kennedy gehört der Journalist Jefferson Morley. Letztes Jahr erschien Morleys fundierte Biographie "The Ghost" über den einstigen Leiter der CIA-Gegenspionage James Jesus Angleton. Der rechtskonservative Geheimdienststratege galt als der am besten informierte CIA-Mann und fungierte u.a. gegenüber der Warren-Kommission als CIA-Kontaktmann zur "Aufklärung" der Mordumstände.

Wie man heute weiß, verschwieg der in vielfacher Hinsicht dubiose Angleton der Kommission, dass er den als Alleintäter geltenden Lee Harvey Oswald bereits vor dem Attentat seit Jahren beobachten ließ.

Seit 15 Jahren nun bemüht sich Morley um Zugang zu den Akten über Angletons Untergebenen George Joannides (1922 -1990), die der Geheimdienst häppchenweise teilweise und geschwärzt freigab. Morley wurde vor einem Jahrzehnt beschieden, dass einige Dokumente zu Joannides aus Gründen nationaler Sicherheit in keiner Form freigegeben würden.

Der Rechtsstreit hat Morley inzwischen über 500.000 $ gekostet, die der Autor nun vom Staat zurückfordert, da er die Aktensperren für rechtswidrig hält. Für April ist ohnehin der letzte Teil der noch gesperrten Akten mit Bezug zum Kennedy-Attentat angekündigt, die nach dem JFK-Act bereits letzten Oktober hätten freigegeben werden müssen.

Joannides gehört zu den Geheimnisträgern über die Rolle des schillernden Ex-Marines Oswald, der sich vor dem Kennedy-Mord sowohl bei den Castro-feindlichen Exilkubanern als auch bei Castro-freundlichen Aktivisten herumtrieb. Die CIA hatte Anfang der 1960er Jahre Pläne für den gewünschten Regime Change auf Kuba geschmiedet, zu denen nach der gescheiterten Invasion in der Schweinebucht auch Mordanschläge durch Personal der US-Mafia gehörten.

Als Mitte der 1970er Jahre etliche Skandale der CIA an die Öffentlichkeit kamen, rollte 1978 das sog. House Select Committee on Assassinations die Ermittlungen zu den Attentaten auf die Kennedys und Martin Luther King neu auf. Das Gremium befragte den CIA-Mann Joannides über eine Organisation kubanischer Studenten namens Directorio Revolucionario Estudantil (DRE), die ebenfalls Fidel Castro militant stürzen wollte.

Monate vor den Schüssen in Dallas vom 22.11.1963 hatte Oswald, der bereits in seiner Jugend der rechtsgerichteten paramilitärischen Civil Air Patrol angehörte, mit der DRE eigenartige Begegnungen. Oswald hatte dem DRE-Aktivisten Carlos Bringuier am 05.08.1963 in New Orleans seine Dienste angeboten.Bringuier war einziges Mitglied der DRE-Sektion in New Orleans.

Vier Tage später verteilte der gegenüber Bringuier vorgeblich Castro-feindliche Oswald auf einmal auf der Straße Flugblätter eines lokalen "Fair Play for Cuba"-Komitees, das ebenfalls nur ein über ein einziges Mitglied verfügte – Oswald selbst. Zufällig (?) wurde Oswald dabei gefilmt. Alsbald tauchte dort auch Bringuier auf und konfrontierte Oswald mit dessen widersprüchlicher Haltung, die Situation eskalierte zu Handgreiflichkeiten nebst Verhaftung. Die beiden verfeindeten (?) Männer nahmen daraufhin an einer Radio-Debatte über die Kuba-Politik teil, Oswald gab im TV Interviews.

Damit war Oswald der lokalen Presse gegenüber als Castro-Anhänger eingeführt. Als Oswald nach den Schüssen in Dallas verhaftet worden war, gingen in Miami bekannte DRE-Funktionäre bereits innerhalb einer Stunde an die Presse und prägten damit das Bild Oswalds gegenüber einer breiten Öffentlichkeit. Zufällig (?) befand sich in Miami jedoch auch die geheime CIA-Station JM/WAVE, wo der Geheimdienst subversive Aktionen gegen Kuba koordinierte.

Joannides fungierte damals an diesem Stützpunkt als Leiter für psychologische Kriegsführung. Als Joannides 1978 dem Untersuchungsausschuss Rede und Antwort stand, vergaß der Schattenmann jedoch eine Kleinigkeit zu erwähnen: So wurde 2001 bekannt, dass Joannides höchstpersönlich 1963 im Auftrag Angletons als Falloffizier für die Kontrolle und Finanzierung der militanten DRE zuständig gewesen war. Durch seine erwirkten Aktenfreigaben fand Morley schließlich heraus, dass Joannides sogar über eine Wohnung in New Orleans in genau der Zeit verfügte, als Oswald dort auffällig wurde und als angeblicher Castro-Anhänger posierte.

1981 erhielt der pensionierte Joannides die "Career Intelligence Medal", was Morley als eine Belohnung für die Irreführung des Untersuchungsausschusses wertet. Manche (nicht allerdings Morley) wollen Joannides sowie den ebenfalls in Miami stationierten CIA-Killer David Sánchez Morales auf Bildmaterial erkennen, das 1968 beim Attentat auf Robert Kennedy entstand.

Kommenden Monat sollen nun endlich die letzten Kennedy-Akten freigegeben werden, sofern dies mit der nationalen Sicherheit in Einklang gebracht werden kann. Wie nach über einem halben Jahrhundert noch die nationale Sicherheit durch Aktenfreigaben gefährdet werden könnte, bleibt unklar.

Von Markus Kompa ist das Telepolis-ebook erschienen: Cold War Leaks. Geheimnisvolles und Geheimdienstliches aus dem Kalten Krieg.



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