542 Tote in Haiti, 21 Tote in den USA, 0 Tote in Kuba

Der Hurrikan Matthew offenbart die soziale Realität in den betroffenen Staaten

Wie kaum ein Ereignis hat der jüngste Hurrikan in der Karibik die soziale Realität der betroffenen Länder offenbart. Während in dem verarmten und politisch labilen Haiti hunderte Menschen ums Leben kamen und in den USA immerhin noch 21 Menschen starben, war in Kuba – das mit am härtesten getroffen wurde – kein Opfer zu beklagen. In der auf Katastrophen orientierten Berichterstattung freilich spielte und spielt fast nur Haiti eine Rolle. Dabei würde sich der Blick auf die Hintergründe lohnen: Sowohl in Haiti selbst wie auch in Kuba.

Selbst in den USA mussten sich Millionen Menschen in Sicherheit bringen. Der Wirbelsturm "Matthew" hatte die Stärke vier von fünf und war mit bis zu 300 km/h auf Land getroffen. In dem US-Bundesstaat South Caroline forderte die Gouverneurin Nikki Haley die Bewohner der Küstenregionen auf, sich bis zu 160 Kilometer weit ins Landesinnere zu bewegen. Trotz solcher Vorsichtsmaßnahmen und einem Aufruf selbst von US-Präsident Barack Obama kamen im US-Bundesstaat North Carolina zehn Menschen ums Leben. In Florida, Georgia, South Carolina und Virgina starben insgesamt weitere elf Personen.

Die schwersten Folgen aber gab es erneut in Haiti. Nach offiziellen Angaben starben in dem Karibikstaat 546 Menschen, Hilfsorganisationen vor Ort gehen sogar von einer weitaus höheren Zahl aus. Nach Angaben der Vereinten Nationen brauchen 1,4 Millionen Haitianerinnen und Haitianer Beistand. Den Finanzbedarf für die Nothilfe beziffern die UN auf 120 Millionen Euro, von denen bislang allerdings noch nicht einmal ein Fünftel zusammengekommen ist.

Nicht weniger stark getroffen wurde von dem Wirbelsturm das sozialistische Kuba. Das Kolonialstädtchen Baracoa – eine der ersten Siedlungen im äußersten Osten der Insel – wurde in weiten Teilen zerstört. Als der Wind abflaute, boten ganze Straßenzüge ein kriegsähnliches Bild mit meterhohem Schutt auf den Straßen und fast völlig zerstörten Häusern. Dass niemand sein Leben verlor, ist aber kein Wunder, sondern ein Ergebnis des kubanischen Zivilschutzsystems.

"Ich habe noch niemals Kubaner gesehen, die sich vor oder während eines Hurrikans gefürchtet haben", schreibt dazu der uruguayische Journalist Fernando Ravsberg, der unter anderem für die britische BBC aus Havanna berichtet. Der tragischste Moment komme immer nach dem Sturm, fügte er an: "Kein Wunder, haben doch die schwersten Tropenstürme des 21. Jahrhunderts 40 Tote, 26 Milliarden US-Dollar an wirtschaftlichen Schäden sowie 1,5 Millionen beschädigte Häuser hinterlassen."

Der spanische Blogger "Lazarillo" beschrieb das kubanische Zivilschutzsystem. Die "Defensa Civil" (Zivilverteidigung) sei eine enorme Struktur, die von der nationalen Gesamtleitung bis in jeden Gemeindebezirk reiche. Kaum bedrohe ein Wirbelsturm Kuba, werde der Zivilschutz in Gang gesetzt. "Die Verantwortlichen auf allen Ebenen klopfen den Staub von ihren olivgrünen Uniformen und stellen sich an die Spitze ihrer Nachbarn", schreibt der Blogger. Chef des Zivilschutzes sei General Ramón Pardo, wobei jedoch 90 Prozent der Mitglieder Zivilisten sind, die im übrigen Jahr ihren Berufen nachgehen.

Hurrikan Matthew am 6. Oktober. Bild: Nasa/NOAA

Nach einer Informationsphase folge die Warnstufe mit konkreten Vorbereitungen in den betroffenen Gebieten. Kurz vor dem Eintritt an Land folge die Alarmstufe. "Während der Wirbelsturmwarnstufe wird mit der Evakuierung all jener Menschen begonnen, die in den betroffenen Regionen in weniger sicheren Wohnungen leben", heißt es in dem Text. Während des vorletzten Wirbelsturmes seien es über 600.000 Menschen gewesen. Oft müssten die Evakuierten nur ein paar Schritte gehen, um von Nachbarn aufgenommen zu werden, die über ein sichereres Haus verfügen: "Die Solidarität ist der Schlüssel beim Schutz der Bürger, wobei jedoch nichts dem Zufall überlassen wird, denn jede Familie weiß im Voraus, wohin sie sich zu wenden hat."

Der Unterschied zu Haiti ist frappierend: Nach einem von den USA und Frankreich unterstütztem Putsch im Jahr 2004 (Blutzoll einer "demokratischen Revolution") ist das Land nicht mehr zu politischer Stabilität zurückgekehrt. Eine sogenannte Stabilisierungsmission der UN, MINUSTAH, hat weitere Konflikte provoziert. So auch nach der jüngsten Katastrophe. Während in Kuba schon die Aufräumarbeiten liefen, kam es im benachbarten Haiti zu Unruhen. Nach einem Bericht des Radiosenders Métropole setzten UN-Blauhelmsoldaten Tränengas gegen Demonstranten ein.