Ängstlichkeit und Gehorsam

Trifft den polnischen Präsidenten Lech Kaczynski eine Verantwortung beim Absturz am Samstagmorgen?

Den Effekt, dass man wider besseren Wissens etwas macht, was ein Vorgesetzter anordnet, kennen wahrscheinlich viele Menschen. Manche erleben so etwas sogar täglich. Deshalb scheint es auch durchaus nicht außerhalb jeder Vorstellungskraft, dass der polnische Präsident Lech Kaczynskis den Piloten der Unglücksmaschine, in der er am Samstag selbst umkam, unter Druck setzte, damit dieser nicht einen anderen Flughaften ansteuerte, wie ihm das die Fluglotsen wiederholt rieten, sondern trotz widriger Witterungsverhältnisse und fehlendem Instrumentenlandesystem mehrere Anflüge versuchte.

Von Medien in den letzten Tagen befragte Pilotenvertreter bewerteten das Verhalten ihres nun toten Kollegen durchwegs als extrem ungewöhnlich und vermuteten, dass es eventuell nicht alleine auf Entscheidungen des Flugzeugführers zurückgehen könnte: Niemand mit Ausbildung und Erfahrung, so der Tenor, würde bei Nebel mit weniger als 500 Metern Sicht einem kleinen Militärflughafen ansteuern, auf dem sich nicht einmal ein Drittel der Landebahn überblicken lässt.

Auch andere Gegebenheiten sprechen dafür, dass auf den Piloten möglicherweise erheblicher Druck ausgeübt wurde: Die Weltpresse wartete auf die historischen Gedenkfeier in Katyn, die den Beginn eines neuen Verhältnissen zwischen Polen und Russland einleiten sollte. Sie sollte um 11 Uhr 30 beginnen. Die Autofahrt vom Flughafen zum Gedenkort mit eingerechnet hätte die Maschine spätestens um 11 Uhr landen müssen, wenn der Präsident und die anderen polnischen Würdenträger sich nicht verspäten wollten. Und vor zwei Jahren hatte Kaczynski einen ebenfalls als Luftwaffenoffizier angestellten Piloten, der die Sicherheit der Passagiere voranstellte und den Präsidenten deshalb an einem anderen als den geplanten Tifliser Flughafen absetzte, öffentlich die Berufseignung wegen "Ängstlichkeit" abgesprochen.

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