"Alarmierende Wahrscheinlichkeit" eines Supergaus in belgischen Atomkraftwerken

Der Chef der belgischen Atomaufsicht ist entsetzt über den Betreiber Electrabel, der keine Initiativen zeige, das "Sicherheitsniveau zu verbessern"

Die gefährlichen belgischen Atommeiler kommen nicht aus den Schlagzeilen. Doch nun sind es nicht Atomkraftgegner, die auf die fatale Lage in den Atomkraftwerken aufmerksam machen, sondern niemand anders als der Chef der Atomaufsichtsbehörde (AFCN). Die belgische Zeitung "La Libre" hat über zwei Briefe berichtet, die Jan Bens am 1. Juli und am 2. September an Electrabel und Engie geschickt hat, denn der führende belgische Energiedienstleister ist eine Tochtergesellschaft der französischen GDF Suez, die inzwischen in Engie umbenannt wurde.

AKW Tihange. Bild: Michielverbeek/CC BY-SA 3.0 (Bild:  [Link auf https://de.wikipedia.org/wiki/Kernkraftwerk_Tihange#/media/File:Huy,_koeltorens_2007-05-01_14.57.JPG] )

Man fragt sich angesichts der Ausführungen in den Schreiben nur noch, warum Tihange und Doel nicht sofort geschlossen werden. Denn Bens spricht unverhohlen in den Briefen von einer "alarmierenden Wahrscheinlichkeit einer Kernschmelze", vor allem im Atomkraftwerk Tihange, womit nichts anderes als ein Super-Gau nach Vorbild von Fukushima und Tschernobyl gemeint ist. Damit bestätigt der AFCN-Chef die Einschätzung, dass an der Grenze zu Deutschland enorme "Zeitbomben" ticken.

Ganz besonders dramatisch scheint die Lage in Tihange zu sein. Die Meiler dort bedrohen nicht nur die deutsche Stadt Aachen, die nur 70 Kilometer entfernt liegt, sondern wegen des vorherrschenden Westwinds weite Teile des bevölkerungsreichsten Bundeslandes Nordrhein-Westfalen.

In den Briefen wird von einem Treffen zwischen Bens und dem früheren Chef von Electrabel berichtet. Mit Wim De Clercq sei eine Brandstudie besprochen worden, deren "Resultate desaströs" gewesen seien. Doch, so beklagt Bens in seinen Briefen, tue die Firma praktisch nichts, um die Probleme zu lösen. "Ich habe Zweifel am Willen, die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um diese Probleme schnell zu lösen", schreibt Bens an die beiden Firmen. Er kritisiert eine fehlende "Sicherheitskultur" beim Betreiber.

Das ist nun wirklich kein neues Problem, wie auch der AFNC-Chef erklärt. Bekannt ist zum Beispiel, dass ein IS-Terrorist mehrere Jahre im Hochsicherheitsbereich des Atomkraftwerks Doel arbeiten konnte. Zudem wurden im vergangenen Jahr vier Beschäftigte in Tihange vom Dienst suspendiert, das immer wieder durch Notabschaltungen auf sich aufmerksam macht. Die Atomaufsicht hatte Klage bei der Staatsanwaltschaft eingereicht und dem Betreiber schon mit Schließung des Kraftwerks gedroht, wenn es nicht endlich zu einer "Sicherheitskultur" in dem Atomkraftwerk komme. Techniker und Ingenieure waren im nuklearen Kontrollraum tätig und hätten ihre Arbeit nicht sonderlich ernst genommen.

Im Fall von Doel, wo sogar schon die Bundesregierung eine Abschaltung gefordert hat, handelt es sich bekanntlich um einen der "Bröselreaktoren". Denn in den Druckbehältern, das zentrale Sicherheitselement eines Atomkraftwerks, wurden Wasserstoffflocken gefunden. Gemeint sind damit zahllose feine Risse - kleine Einschlüsse von atomarem Wasserstoff -, die vermutlich wohl schon bei der Fertigung des Stahls entstanden sind.

Vermutet wird auch, dass in den beiden Atomkraftwerken zudem Teile verbaut wurden, die aus der französischen Schmiede "Le Creusot" stammen. Die gehört dem Pleite-Atomkraftwerksbauer Areva, der Sicherheitszertifikate gefälscht hat, weshalb zum Beispiel ein Meiler im französischen Fessenheim von der Atomaufsicht abgeschaltet wurde. Und weil dort auch deshalb schon 21 Meiler abgeschaltet sind, droht Frankreich im Winter wieder einmal der Blackout, falls es richtig kalt wird und die vielen Stromheizungen auf Hochtouren laufen werden. Im Frühjahr 2012 war es fast so weit, nur deutscher Solarstrom verhinderte das.

Man fragt sich, warum die belgische Atomaufsicht nicht endlich Konsequenzen aus der fatalen Sicherheitslage in Doel und Tihange zieht, da die Forderungen seit Jahren missachtet werden. Die Meiler, die Millionen Menschen gefährden, gehören endlich abschaltet. Doch die Frage, warum sie das nicht tut, beantwortet sich leicht.

Auch Belgien hat wie Frankreich eine völlig verfehlte Energiepolitik betrieben. Auch Belgien ist abhängig vom Atomstrom. So bleiben die Meiler auch angesichts der massiven Gefahren am Netz, um einen Blackout zu verhindern, für den auch in Belgien schon Vorbereitungen getroffen wurden. Die tödlichen Risiken für zahllose Menschen werden deshalb geduldet.

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