"Alle Männer sind Lügner" oder: Autovervollständigungen, die niemanden aufregen

Außer Kontrolle

Googles Autovervollständigung trägt zur Verbreitung von Stereotypen bei. Keine Neuigkeit, es reicht jedoch, um die UN in Schwung zu bringen

Wer die Google-Autovervollständigung nutzt, findet oft Vorschläge, die ihm absurd erscheinen. Das ist keine sonderlich aufregende Neuigkeit, sondern eher eine Binsenweisheit. Ob "all men are liars", "men should not get paternity leave from work", "men should not wear tight pants" oder "women should not get married" – die Formulierungen "men should/should not" bzw. "women should/should not" geben einen Überblick darüber, was in den einzelnen Foren, auf Webseiten usw. gefunden werden kann bzw. was oft genug gesucht wird. So weit, so trivial.

Umso erstaunlicher ist es, dass die UN nun genau diese Autovervollständigung als Quell des Ärgernisses entdeckt hat und dagegen sogar mit einer entsprechenden Kampagne vorgeht. Die UN Women-Kampagne, die von der "Entity for Gender Equality and the Empowerment of Women" getragen wird, wirbt mit vier Motiven dafür, dass Google sich darum kümmern sollte, bei der Autovervollständigung Sorge zu tragen, dass keine sexistischen, stereotypen oder gar frauenverachtenden Kommentare auf diese Weise Verbreitung finden. Bereits der Name der Abteilung zeigt, dass hier jedoch nicht der Sexismus oder die Stereotypen an sich bemängelt werden, sondern vielmehr lediglich in Bezug auf Frauen agiert wird.

Dies ist ein steter Kritikpunkt, wenn es um Sexismus in der Werbung, bei Suchmaschinen usw. geht. Der Sexismus oder die Stereotypen, die angeprangert werden, bewegen sich dabei stets in eine Richtung, höchstens im Nebensatz wird noch angedeutet, dass es natürlich auch Stereotypen im männlichen Bereich gibt. So finden sich unter "all men are" beispielsweise (je nach Land) auch "all men are rapists" oder "all men are rats" wieder – nur wird dies nicht thematisiert. Google ist hier letztendlich vor allen Dingen auch ein Opfer seiner Popularität. Da durch seine Marktmacht angenommen wird, dass die Vorschläge, die gemacht werden, einen gewissen Einfluss auf die Denkweise der Menschen haben, die mit diesen Vorschlägen konfrontiert werden, wird dem Konzern quasi eine "Säuberungspflicht" auferlegt, als sei Google der Lehrer und die Nutzer die Schüler, die vom Lehrer von den schlimmen Gedanken, die im Netz lauern, ferngehalten werden müssen. "Die Suchmaschine leistet also nicht nur Beihilfe zur Verbreitung sexistischer und frauenverachtender Inhalte. Sie befördert aktiv, dass sich solche Positionen im Netz - und möglicherweise in den Köpfen der Internetnutzer – verfestigen", schreibt die Süddeutsche Zeitung und verweist auf entsprechende Versuche.

Google ist dabei längst in den Maschen der Rechtssprechung und der politischen Agenda verfangen. Mal sind es die Persönlichkeitsrechte, mal die "innere Sicherheit", mal der Jugendschutz, die bereits jetzt dazu führen, dass Suchergebnisse und Autovervollständigungsvorschläge gelöscht oder geändert werden müssen. Das Einfallstor dazu wurde längst geöffnet und so ist anzunehmen, dass sich Google der Kampagne bzw. deren Forderungen kaum verschließen wird, will der Konzern nicht in den Verdacht geraten, stark sexistisch zu agieren bzw. dem Sexismus und der Frauenverachtung noch Vorschub zu leisten.

Insofern ist die Kampagne durchaus nachvollziehbar. Es liegt in der Natur der Sache, dass sich eine Abteilung, die speziell für "Gender Equality and the Empowerment of Women" zuständig ist, einseitig für den Bereich Sexismus in Bezug auf Frauen engagiert. Die Frage ist allerdings, wieso es keine Abteilungen gibt, die sich, so sie es für notwendig halten, mit dem Sexismus in Bezug auf beide Geschlechter befassen.

Um festzustellen, dass gerade auch Männer im Bereich Film, Fernsehen, Werbung stereotyp dargestellt werden, bedarf es nicht einmal großartiger Studien. Ein paar Stunden Fernsehen samt Werbung reichen aus, um zu bemerken, dass auch Männer entweder als Sexobjekt mit erigierten Brustwarzen, Ganzkörperrasur und Muskelüberschuss aufwarten, den mehr oder minder unfähigen Familienvater (der schon bei der Arbeit im Haushalt völlig überfordert ist) mimen oder als Anzugträger irgendwelche Luxusprodukte bewerben dürfen.

Dies kann man als etwas sehen, bei dem es Handlungsbedarf gibt, keine Frage. Doch es wäre, wenn man der Meinung ist, dass es diesen Handlungsbedarf gibt, sinnvoll, den Sexismus bzw. die Stereotypen per se anzugehen, nicht nur die auf der einen Seite. Zum einen führt dies zur Ungleichbehandlung, womit der Begriff der "Equality", der immer hochgehalten wird, zur Farce verkommt, zum anderen führt dies insbesondere auch in der öffentlichen Wahrnehmung zu einer "divide et impera"-Haltung , statt dass das Problem von allen wahrgenommen wird. So entsteht höchstens eine Art Pendelbewegung, die mal die eine Seite, mal die andere Seite präferiert, jedoch nie stillsteht, weil Einklang besteht. Dem Gleichheitsgedanken wird damit letztendlich kein Gefallen getan.

"Die angezeigten Begriffe sind das algorithmisch erzeugte Resultat mehrerer objektiver Faktoren, inklusive der Popularität der eingegebenen Suchbegriffe", lautet Googles Antwort auf die Frage, wie die Autovervollständigungsvorschläge zustande kommen. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass eine Veränderung der Vorschläge letztendlich auch eine Veränderung der Ansichten vorgaukelt, welche tatsächlich nicht vorhanden ist. Hier ähnelt dann die kosmetische Entfernung der Vorschläge den Stoppschildern vor vermeintlich kinderpornographischen Bildern. In beiden Fällen wird letztendlich ein Scheuklappenmechanismus präferiert, stets mit der Argumentation, dass auf diese Weise das Bewusstsein für das Problem geschärft und das Problem zumindest subtil angegangen wird.

Wie bereits erläutert, ist Google bereits in der Situation gefangen, in der manuelle Eingriffe notwendig sind und auch erledigt werden – was auch nichts Neues ist, schließlich beschäftigt Google nicht aus Zufall weltweit Menschen damit, die Suchergebnisse manuell zu verfeinern und zu bereinigen. Der Gedanke, dass die Suchmaschine insofern ein tatsächliches Bild abgibt, ist insofern bereits ad absurdum geführt – Hans-Jörg Butt kann davon ein Lied sinden. Egal, wie viele Menschen nach seinem Namen suchen und welche zusätzlichen Suchbegriffe nutzen, er fällt als der Autovervollständigungsliste schon wegen seines Namens heraus, der dem Jugendschutz widerspricht.