Alles gar wunderliche Gestalten

Abenteuer, Sehnsucht und wirre Erlösungssuche in der Südsee: Christian Kracht stellte im Münchner Literaturhaus sein Buch "Imperium" vor

Es war der Aufreger des Bücherfrühlings - "Imperium", der dritte Roman des Schweizer Autors Christian Kracht. Weniger wegen des Inhalts. Der ist im Prinzip eher harmlos. Da erzählt der Autor die merkwürdige Geschichte des Nürnberger Vegetariers, bekennenden Nudisten und Spinners August Engelhardt, der um 1900 in die Südsee aufbricht, um dort, im melanesischen Bismarck-Archipel, damals noch Teil des deutschen Kaiserreichs, ein neues "Neupommern" zu gründen.

Aufregung verursachte das Werk vielmehr wegen eines "bösen" Verrisses, den Georg Diez, Kolumnist und Kritiker des "Spiegels", noch kurz vor Erscheinen des Buches verfasst hat. In dem mit "Die Methode Kracht" betitelten Text rechnete er, nachdem sowohl die "FAZ" ( Ein kultischer Verehrer von Kokosnuss und Sonnenschein) als auch "Die Zeit" ( Seine reifste Frucht) und "Die Welt" ( Hitler und die Kokosnuss) das Buch hoch gelobt hatten, nicht nur mit dem Autor ab, er packte auch, wohlüberlegt und (wie es schien) von langer Hand geplant, obendrein die "Nazikeule" aus.

Der Autor sei von einer "rassistischen Weltsicht durchdrungen", polterte Diez, Kracht sei ein "Türsteher rechten Gedankenguts". An ihm lasse sich zeigen, wie sich "antimodernes, antidemokratisches und/oder totalitäres Denken seinen Weg in den Mainstream" bahne. Ein "guter Mensch" jedenfalls, so Diez ganz im Ernst, könne Kracht nicht sein.

Spontan fiel mir beim Lesen dieser Zeilen zuallererst der Polit-Theologe Leo Strauss ein, seine Unterscheidung zwischen "exoterischer Präsentation" und "esoterischer Codierung" ein. Aber dann auch jene versteckte Botschaften, die angeblich immer am Ende oder beim Rückwärtslaufen von Heavy-Metal-Platten zu hören sein sollen. Sollte da etwa jemand ...? Oder muss Literatur heute, um gefallen und gut zu sein, gar "demokratisch", "liberal" und "politisch aufgeklärt" sein? Gilt sie eventuell nur dann als gelungen, wenn sie "sozialdemokratisch" ( Krachts Krieg) daherkommt und mit ihren Helden mitleidet oder mitfiebert?

Die hitzige Debatte, die daraufhin unter den Chefkritikern ( Kritiker schreit Nazi-Mordio) und Chefkritikerinnen ( Kein Skandal um Christian Kracht) und dem Kritiker Diez ( Meine Jahre mit Kracht) ausbrach, den Autor Kracht dann aber vom Vorwurf, Faschismen, Rassismen und/oder Antisemitismen zu verbreiten, freisprach, und schließlich noch im Streit über Sinn und Unsinn von Literaturkritik im Allgemeinen endete ( Im Zeichen von Elisabeth Förster-Nietzsche), diente dabei vor allem einem: der Verkaufsförderung des Buches.

Allerdings hatte sich Diez bei seinen Vorwürfen weniger auf Inhalte des neuen Romans bezogen als vielmehr auf einen http://www.amazon.de/Five-Years-Briefwechsel-2004-2009-2004-2007/dp/3865252354 Briefwechsel, den Kracht in der zweiten Hälfte der Nullerjahre mit dem befreundeten US-Komponisten und Aktionskünstler David Woodard geführt hatte, und der das Jahr davor, aus welchen Gründen und Absichten heraus auch immer, von den Germanisten Johannes Birgfeld und Claude D. Conter publiziert worden ist.

Dieser hatte sich jahrelang für die von der Nietzscheschwester Elisabeth Förster mitgegründeten deutschen Kolonie "Nueva Germania" interessiert, bei der angeblich einst auch der KZ-Doktor Josef Mengele Zuflucht gefunden haben soll. Kracht war mit Woodard nicht nur dort hingereist, um mit den letzten (Über)Lebenden Gespräche über ihren Alltag, ihre gescheiterten Ideen und Träume zu führen, er hatte darüber auch einen Dokumentarfilm gedreht und eine Performance an der Berliner Volksbühne aufgeführt.

Mit Kracht zusammen war er einst auch zur Abtei Thelema in Cefalù auf Sizilien gereist, um das Grab Aleister Crowleys zu besuchen, und er hatte an Rafael Horzons "postmoderner" Wissenschaftsakademie in Berlin gemeinsam mit Kracht Vorträge gehalten.

Nun ist Krachts buchstäbliche und extreme Vorliebe für Reisen, Mythen und Dystopien aller Art, für verschrobene und skurrile Geschichten und Gestalten hinlänglich bekannt. Diktatoren, Barfüßer und Sonderlinge aller Art, Umerziehungslager, Heilslehren und Sinnstifter bieten dafür auch reichlich Stoff, der, wenn man sprachlich hinreichend begabt ist wie Kracht, sich mal witzig, mal ernsthaft verpacken, aber auch selbstredend trefflich ironisieren lässt.

In "Faserland", seinem Erstling, erzählt er von der schleichenden Dekadenz, die seine Generation erfasst hat, weil sie mit den Freiheiten, die ihr die bürgerliche Gesellschaft gewährt, nichts Sinnvolles anzufangen weiß; in "1979" stellt er uns einen jungen Deutschen vor, der in die Wirren der iranischen Revolution gerät und anschließend in einem chinesischen Gulag landet; in "Die totale Erinnerung" wiederum führt er uns die Papp- und Kulissenwelt des nordkoreanischen Diktators Kim Jong Il vor; und in seinen dritten und vorletzten Roman "Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten" versetzt er uns in eine bolschewistisch gewordene Schweiz, die sich in Dauerfehde mit einem Großteil Europas befindet.

In gewisser Weise stellt Kracht, fünfundvierzigjähriger Sohn des gleichnamigen Verlagsmanagers und stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden im Axel Springer Konzern, eine Art intellektuellen Gegenentwurf zu Dietmar Dath dar. Das ist auch deswegen höchst bemerkenswert, weil Kracht noch vor Jahren Kolumnist der FAZ war, dort seine Berichte aus fernen Ländern abliefern durfte, und Dath heute im selben Medium seinen ästhetisch unterfütterten Leninismus verbreitet.

Denn während dieser uns für die unabgegoltenen Versprechen des Bolschewismus, die noch unrealisierten Möglichkeiten eines technizistisch verstandenen sozialen Fortschritts und/oder die wahren Absichten des Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin, erwärmen will, will uns jener das Alberne und Absurde, Peinliche und Groteske vor Augen führen, die allen diesen Versuchen und Liebesmühen innewohnt. Im Grunde handelt es sich bei Krachts Büchern und Texten um raffiniert gedrechselte Nietzscheaden, wie sie uns der bärtige Philosoph am Ende seines bewussten Lebens in diversen Rollen, Masken und Parodien exemplarisch vorgeführt hat.

Darum verwundert es auch kaum, dass er sich mit Bill Woodard auch postalisch über Kim Jong Il und Christoph Schlingensief, William S. Burroughs oder Kenneth Anger ausgetauscht hat; und darum verwundert es auch nicht, dass ihn die Geschichte des Kokosnussessers August Engelhardt, die seines heilsgeschichtlichen Scheiterns im fernen Bismarck-Archipel, so nachhaltig beeindruckt und interessiert hat. Zumal sich daraus eine überaus drollige Story entwickeln ließ, die auch vielfache Anspielungen auf die Gegenwart erlaubt und in sich birgt.

Gewiss kommen im Roman auch ein paar "Unanständigkeiten" vor, es wird von "barbusigen Negermädchen" und von "Nordmännern" mit "blonden Haaren zu Kränzen" gebunden erzählt, von "lieblosen, rohen Barbaren" und von "Kanakenkindern" - so wie der Zeitgeist damals eben war, als er noch von der Diktion des Pickelhauben-Deutschlands bestimmt war. Allein daraus ein politisch rechtes Gewaber und/oder Geraune zu destillieren, ist schon mehr als gewagt. Richtig ist vielmehr, dass Kracht mit moralisch oder politisch korrekten Haltungen oder Einstellungen, wie das neudeutsch von jedermann verlangt wird, der sich öffentlich äußert, wenig am Hut hat.

Und gewiss spielt in der Erzählung auch jene Figur "mit einer schwarzen Zahnbürste unter der Nase" eine prominente Rolle, die ein paar Dekaden später die imperiale Großmannssucht Deutschlands unrühmlich zu Ende bringt. Nicht nur wegen des Hangs zum Veganismus, die der Führer teilte, oder auch seiner "romantisch-künstlerischen Seele", die ihn einst "zur Staffelei" brachte. Sondern, weil auch er ein Geschöpf des deutschen Wilhelmismus war und auch er aus demselben esoterischen Gedankengut schöpfte wie der weit harmlosere und unbedeutende Engelhardt, der der "von innen heraus verfaulten Gesellschaft" den Rücken kehrte und abseits der Zivilisation mit Gleichgesinnten eine "geldfreie Vegetariergesellschaft" gründen wollte.

Doch von "Springerstiefeln", "Hakenkreuzen" oder gar einem Aufruf zum rechten Widerstand ist beim besten Willen weder was zu lesen noch zwischen den Zeilen zu entdecken. Im Gegenteil: Vielmehr handelt es sich bei "Imperium" um einen etwas schelmisch geratenen Abenteuerroman, der sich literarisch zu Robert Louis Stevenson und Joseph Conrad, Hermann Hesse oder auch Karl May bekennt und sich auch bewusst in dieser Traditionslinie verorten will.

Es ist der Lockruf der Wildnis, die Sehnsucht und das Fernweh nach dem Fremden, Exotischen und Unbekannten, die auch Jack London oder auch Hermann Melville heimgesucht haben, weil der zivile Alltag sie nicht zur Ruhe hat kommen lassen. Einerseits. Andererseits ist "Imperium" aber auch das literarische Konstrukt über ein verquastes Erlösertum, das in elegant-humoriger Weise vorführt, wohin derlei Aufbrüche zu scheinbar neuen Ufern führen können, nämlich in die persönliche Katastrophe und in den eigenen Untergang.

Darauf erneut aufmerksam gemacht und hingewiesen zu haben, darin besteht auch die Zeitgenossenschaft, die der Kokovorist Engelhardt, obwohl er schon über ein Jahrhundert lang tot ist, nach wie vor mit uns teilt. Auch gegenwärtig wird das westlich-demokratische Wertesystem, mit dem in ihm vorherrschenden hedonistisch-konsumistischen Lebensstil von vielen Zeitgenossen als dekadent, verfahren und sinnentleert erlebt. Der nihilistische Hintergrund, der damals die bürgerliche Décadence begleitete und sich seinerzeit in den Werken Rimbauds, Baudelaires und Musils spiegelte, ist auch noch oder wieder der unsrige.

Viele stehen (nicht erst seit der Finanz- und Eurokrise) den technischen, wirtschaftlichen und kulturellen Errungenschaften der Zivilisation eher feindlich gegenüber. Sie wenden sich verstärkt von der Moderne ab und suchen ihr Heil, ihre Gesundung oder ihren Frieden mit der Welt in Yoga und TCM, in Wasser- oder Sonnenmystik, in Tai Chi, Chi Gong oder anderen fernöstlichen Körper- und Meditationstechniken.

Für selbsternannte Prediger und Scharlatane, Gesundheitsapostel und Rohköstler, die vorgeben, man könne sich fortan nur noch Licht, Wasser oder sauberer Luft ernähren oder müsse nur dieses Wässerchen oder jene Kapseln schlucken, um kraftvoll, energiegeladen und erfolgshungrig Beruf und Alltag zu meistern, und die diese Weisheiten via Internet, Netz-TV oder Newsletter verbreiten, finden ob eines steig wachsenden Esoterik-Marktes ein dafür ebenso aufgeschlossenes wie zahlungswilliges Publikum.

Bei seiner Lesung im Münchner Literaturhaus, bei der diesmal, anders als bei seinem ersten Auftritt in Zürich nach dem "Skandal", kaum Medienvertreter da waren ( Er! Der mit dem Scheitel!), präsentierte sich Kracht überhaupt nicht "schnöselig" und "dandyhaft", wie ihm immer unterstellt wird. Eher schüchtern, zurückhaltend, ja geradezu ängstlich betrat er das Podium. Mit seiner etwas zu groß geratenen Brille und dem blauen Mäntelchen, das er während der Lesung trotz stetig steigender Wärme im Saal trug, wirkte er gar etwas bieder und spießig.

Nicht zufällig erinnerte mich das Mäntelchen, wäre es denn rot gewesen, an Rumpelstilzchen. Erst im Laufe der Lesung wurde der Autor allmählich lockerer, sicherer, auch selbstsicherer. Ob diese anfängliche Verletzlichkeit und Sensibilität, die Kracht an den Tag legte, nur gespielt und Teil der Inszenierung war, ist aus Beobachterperspektive nur schwer zu sagen.

Die Einstimmung des Publikums im vollbesetzten Saal auf die Lesung war jedenfalls überaus bedeutungsschwer. Im Hintergrund lief nichts Geringeres als die fünfte Sinfonie von Gustav Mahler, jenes berühmte Adagietto, das den meisten aus der Verfilmung von Thomas Manns "Tod in Venedig" bekannt ist, in der Endlosschleife. Die Vorhänge waren zugezogen, sodass den Zuhörern ein Blick über die Dächer Münchens versagt blieb. Nichts sollte vom darzubringenden Text ablenken. Bilder von der Lesung und von Kracht waren genauso untersagt wie eine anschließende Diskussion über den Text.

Der wiederum war wenig spektakulär. Weder aufregend noch erweckend. Viele lange, ellenlange Schachtelsätze waren zu hören, die den elitären Habitus und manieristischen Stil, den der Autor pflegt, bezeugten, und den das Publikum äußerst aufmerksam und konzentriert goutierte. Nach gut einer Stunde und dem Wissen, dass Engelhardt auch mal kurzzeitig in München war und beinahe in der Nähe des Odeonsplatzes von der Polizei wegen seines Aussehens verhaftet worden wäre, war die insgesamt doch sehr künstlich und gekünstelt wirkende Performance auch schnell und abrupt wieder vorbei.

Als die Münchner dann in Massen ans Pult eilten, um sich ihr für 19 Euro erworbenes Buch vom Sprachkünstler eigenhändig signieren zu lassen, verließ ich rasch, aber noch etwas benommen ob des soeben Erlebten den Raum des Geschehens, der an diesem Abend irgendwie fremd und unwirklich auf mich wirkte.

Erst im "Atomic Café", wo "The Undertones" (allerdings ohne ihren einstigen Frontmann Feargal Sharkey) den Punkrock der späten Siebzigerjahre in grandioser Weise wiederaufleben ließen und neben alten Hits wie Here comes the summer oder You've Got My Number auch zweimal John Peels erklärten Lieblingssong Teenage Kicks intonierten, kam ich allmählich wieder zu mir selbst.

Christian Kracht: Imperium. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2012. 243 Seiten, 18,99 Euro.

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