Alles ist doch nicht möglich

Auch das Sommermärchen 2.0 zerschellt unvollendet am "Tiki-Taka" der spanischen Selección

Seit die deutschen Nationalkicker die Fußballgroßmächte England und Argentinien mit Kantersiegen aus dem Turnier gekickt hatten, schienen die Lobeshymnen auf den Bundestrainer und sein Team kein Ende mehr nehmen zu wollen. Jogi Löw habe "in der Vorbereitung auf die WM in Südafrika die richtige Balance gefunden", vermeldete etwa der Tagesspiegel. Er habe die "Bundesliga-Problemfälle wie Lukas Podolski und Miroslav Klose zu Leistungsträgern" gemacht.

Fußballerisches Gesamtkunstwerk

Zu bestaunen sei auf dem Platz "ein fußballerisches Gesamtkunstwerk", das wie "ein geöltes Räderwerk" funktioniere, jubelte gar die in fußballerischen Dingen sonst eher zurückhaltende taz. Die Elf erfreue durch "ihre spielerische Leichtigkeit und ihre Kombinationsfreude", jauchzte wiederum Die Zeit. Ihr Spiel, so der Autor, mute an wie "die Vollendung eines lang entwickelten Plans".

Und auch die Berichterstatter aus dem Ausland ließen sich von der Euphoriewelle, die über das Land schwappte, bereitwillig anstecken. El Pais etwa sprach von einem "kollektiven Triumph", der "von Schweinsteiger angeführt, durch Müller und Özil verziert und durch die Keule von Podolski und Klose vollendet" werde.

Der Guardian wollte im Sieg über die Albiceleste "eine Lehrstunde des Konterfußballs" entdeckt haben. Und der Daily Mail sah das Team gar so "unwiderstehlich aufgetreten", dass "ihre Läufe und schnellen Pässe einige der besten Spieler der Welt verzauberten".

"Für einen deutschen Journalisten, der die deutsche Mannschaft schon seit Jahren begleite", befand daraufhin Holger Geertz in der SZ auf Seite drei, sei es darum ein "unbekanntes Gefühl, wenn die Kollegen aus den anderen Ländern ihn fragten: Was zum Teufel ist mit euch Deutschen los?" Vier Jahre später spielt ihr so, "wie ihr im Sommermärchen gern gespielt hättet und immer hattet spielen wollen, so leicht, so schnell, so schön – und natürlich auch: so erfolgreich."

Heckenschützen unterwegs

Diese Hochstimmung scheint allerdings einigen deutschen Funktionären auf den Magen geschlagen und bei ihnen heftiges Magengrimmen hervorgerufen zu haben. Ausgerechnet der Präsident der DFL, Dr. Reinhard Rauball, drückte kurz vor dem wichtigen Spanienspiel auf die Spaßbremse und gebärdete sich öffentlich als Spielverderber ( Rauball sieht Probleme im Profi-Fußball).

Im Fachmagazin Kicker warnte er nicht nur davor, dass es künftig nicht mehr nur zwei, sondern gar drei Verbände geben könnte, neben dem DFB und der Liga auch noch die Nationalmannschaft, sondern forderte auch, Verantwortung und Kompetenz für die U 21 an den DFB-Sportdirektor Matthias Sammer zu übertragen.

Seit den geplatzten Vertragsverhandlungen des DFB, dem Gerangel um Zuständigkeiten, Einflussnahme und Finanzen, die die sportliche Leitung der Nationalelf mit dem DFB im Februar des Jahres führte, herrschen im Verband erhebliche atmosphärische Störungen. Einige Altvordere und Altgediente im Verband fürchten eine weitere Abkopplung und Verselbstständigung des Nationalteams durch Jogi Löw und Oliver Bierhoff. Erfolge des Teams, so glaubt man offenbar, könnten diese Abspaltungstendenzen weiter fördern.

Andererseits deuten die Avancen, die derzeit sowohl der DFB-Präsident Dr. Theo Zwanziger als auch namhafte Ligafunktionäre wie die Bayernbosse Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß pro Jogi Löw machen, um den Verband alsbald zu einer Vertragsverlängerung zu bewegen, in eine andere Richtung. Zumindest die DFB-Spitze und die Wortführer der DFL scheinen bereit, auf Löw und Bierhoff zuzugehen, und einige ihrer Forderungen nach mehr Einfluss und Zugriff auf die Nachwuchsabteilungen erfüllen zu wollen.

Wie auch immer die Dinge ausgehen werden: in jedem Fall dürfte die Unterschrift Löws und seines Trainerteams unter einen neuen Kontrakt für den DFB sehr teuer werden. Löws Gehalt dürfte sich von derzeit etwa drei Millionen Euro um die gleiche Summe verdoppeln. Ob der Verband, der sich gern als ein "gemeinnütziger" gibt und den Amateurfußball unterstützt, diese Forderungen wird erfüllen wollen, ist allerdings eine offene Frage.

Aufkommender Machtkampf

Während der DFL-Präsident von einer "untragbaren Situation" im Verband sprach und vor weiteren Positionskämpfen um Geld und Kompetenzen warnte, eröffnete der WM-Kapitän Philipp Lahm noch am gleichen Tag einen anderen Kriegsschauplatz. Kurz nach der überraschenden Abreise des bisherigen "Capitano" Michael Ballack erklärte er gegenüber der BILD-Zeitung "keck", dass er nach der WM keinesfalls gewillt sei, die Kapitänsbinde freiwillig wieder abzugeben.

So harmonisch und stimmungsvoll wie Presse und Berichterstatter die Lage im deutschen Lager gemalt hatte, konnte sie folglich nicht sein. Zwar hatte Löw charakterlich einwandfreie Typen um sich versammelt und vorher alle möglichen "Stinkstiefel" wie den Bremer Torsten Frings oder den Noch-Schalker Kevin Kuranyi zu Hause gelassen. Doch schon die Ankunft des verletzten "Capitanos" Ballack löste im deutschen Team alles andere als Jubelstürme aus.

Als nach dem glorreichen Sieg gegen die "Three Lions" zum Beispiel Jogi Löw vom deutschen "Staatsfernsehen" interviewt wurde und er vom Sender mit der Schaltung zum verletzten Capitano überrascht wurde, um Glückwunsche und Grüße an die Mannschaft entgegenzunehmen, fiel die Begegnung äußerst frostig, kühl und abweisend aus.

Von Siegen übertüncht

Und ob die Harmonie im Team auch noch so gewesen wäre, wenn man gegen Ghana, was leicht möglich gewesen wäre, verloren und Serbien sich nicht so dumm gegen Australien angestellt hätte, vermag niemand zu sagen. Zu vermuten ist, dass die Spieler nicht mehr so "fürsorglich" miteinander umgegangen wären, wie der SZ-Reporter Geertz das behauptet hatte.

Statt "Miroslav Kloses Wange zu streicheln, seinen Kopf zwischen die Hände zu nehmen und ihn vorsichtig zu schütteln, wie man es als Erwachsener bei einem Kind tut, dem man sagen will: Na also, du kannst es doch," hätte der wegen seiner Dummheit im Serbienspiel gesperrte Stürmer wohl einiges jener Missstimmung abbekommen, die danach im deutschen Lager, bei den Fans und in den Medien ausgebrochen wäre.

Ballast statt Ballack

Bereits vor dem Auftaktspiel gegen die Socceroos aus Australien hatte der Spruch "Never Mind the Ballack" die Runde gemacht.

In die Welt gesetzt hatte den Spruch vor mehr als vier Jahren das Indie-Fußballfanzine Elf Freunde. Inspiriert von einer holländischen Firma, die für die Fans der "Elftal" einen orangefarbenen Wehrmachtshelm entworfen hatte, kreierte ein Mitarbeiter des Magazins, auch in Anlehnung an das legendäre Cover "Never Mind the Bollocks, here's the Sex Pistols" ein antipatriotisches gelbes Leibchen.

Zwei Tage nach dem grandiosen Sieg über das australische Team, griff wiederum der Guardian diesen Spruch auf und überschrieb seinen täglichen Podcast von der WM mit dem Titel: "Never Mind the Ballacks, here comes the Germans".

Wir brauchen ihn nicht

Damit bekräftigte das Blatt, was der neue WM-Kapitän Philipp Lahm vor der Presse bereits geäußert hatte. Für ihn sei dies das beste Team, in dem er jemals gespielt habe. "Wir sind jung und hungrig, wir haben uns entwickelt und sind zusammengewachsen", erklärte der Rechtsverteidiger gewohnt forsch. "Wir brauchen ihn nicht", erklärten prompt danach auch einige seiner Mitspieler.

Und in der Tat hatte es in der Folge den Anschein, als sei der Capitano fortan im Team überflüssig. In den sieben bzw. acht Wochen war man sich nicht nur näher nähergekommen und hatte Teamgeist entwickelt, offenbar war man im Team auch zu der Ansicht gekommen, dass man seinen einstigen Anführer nicht mehr braucht.

Vielen dürfte noch die Backpfeife in Erinnerung sein, die der Spieler Lukas Podolski seinem Capitano im Qualifikationsspiel gegen die Mannschaft von Wales verabreicht hatte, als dieser ihn anweisen wollte, seine Deckungsarbeit entsprechend zu verrichten. Und viele dürften noch die Querelen vor Augen haben, die entstanden, als Michael Ballack lautstark die Berufung seines langjährigen Adjudanten Torsten Frings in die Nationalelf gefordert hatte, und Jogi Löw sich den Capitano daraufhin vorknöpfte.

Überraschende Abreise

Schon seine überraschende Ankunft in Südafrika hatte für erhebliche Irritationen im Team gesorgt. Von Anfang an wirkte er dort nicht nur reichlich deplaziert, er entpuppte sich dort auch als jener "Michael Ballast", wie ihn der Spiegel daraufhin trefflich titulierte. Nach dem eindrucksvollen Sieg gegen die Albiceleste stand er auch einigermaßen teilnahmslos und süßsauer lächelnd im Stadion herum. Bereits da scheint ihm der Gedanke gekommen zu sein, seine Reha lieber weitab von der Mannschaft im heimatlichen Donaustauf zu absolvieren.

Hinterher wurde zwar vom DFB ein ursächlicher Zusammenhang zwischen Ballacks Abreise und der Äußerung Philipp Lahms vehement dementiert, was wohl auch den Fakten zu entsprechen scheint, all dies ändert aber nichts daran, dass man im Team von Ballacks Erscheinen so genervt war, dass der WM-Kapitän Lahm, vermutlich mit Zustimmung des Mannschaftsrates, die Flucht nach vorne antrat und seine Ansprüche auf das Kapitänsamt noch kurz vor dem Spanienspiel anmeldete.

Offensive zur Unzeit

Der Zeitpunkt für diesen Hahnenkampf um die Kapitänsbinde, da waren sich alle Beobachter einig, kam zur Unzeit. Er war ebenso unnötig wie auch reichlich falsch gewählt. Spätestens von da an konnte von einem Sommermärchen im deutschen Lager nicht mehr die Rede sein. Vor allem auch, weil die Presse diesen Streit begierig aufgriff, Neid und Missgunst im Team sichtbar wurden und sich auch eine tiefe Kluft zwischen jungen und altgedienten Spielern auftat ( Frings rechnet mit einem 2-1).

Verstärkt wurde der Konflikt noch dadurch, dass sich auch ehemalige Teamspieler berufen fühlten, ihren Senf zu diesem anscheinend schon länger schwelenden Streit dazuzugeben. Buchte Bernd Schuster den Ausfall Ballacks noch unter die Rubrik "Glücksfall", riet Lothar Matthäus, der selbst seinerseits den rechtzeitigen Absprung aus der Mannschaft mehrfach verpasst hatte, dem Neu-Leverkusenern per BILD gar zum alsbaldigen Rücktritt.

Kein Wunder, dass man in der Teamleitung über die Äußerungen Lahms wenig amused war. Sofort bemühte sich vor allem der Teammanager Oliver Bierhoff um Schadensbegrenzung, insofern er versuchte, das Thema herunterzuspielen. Ein solcher Schuss ins eigene Knie sollte das Sommermärchen, das man gerade dabei war, mit vierjähriger Verspätung nachholen, sollte dadurch keinesfalls gefährdet werden.

Fragwürdiger Vorstoß Welchen Einfluss diese Querschüsse auf das Halbfinalspiel gegen die spanische Auswahl gestern Abend in Durban hatte, ob sie die Mannschaft doch irgendwie gelähmt, beschäftigt und sie in ihrer Konzentration gestört haben, ist im Nachhinein nur schwer zu beurteilen.

Tatsache ist, dass ein solches Thema in dem Moment, wo der Focus der Spieler auf das Halbfinale gegen Spanien gerichtet sein sollte, unnötige Unruhe ins Team bringt, es ablenkt und die Konzentration stört. Jederzeit und in aller Ruhe hätte man das auch nach der WM angehen können.

"Das ist schon sehr fragwürdig, gerade von jemandem wie Lahm, der Werte wie Besonnenheit, Teamgeist und Respekt für sich reklamiert", bemerkte dazu folgerichtig auch Ex-Nationaltorhüter Oliver Kahn vor den ZDF-Kameras. Das schüre nicht nur eine Menge Unfrieden, dies setze ihn auch unnötig selbst unter Druck.

Ängstlich, mutlos, abwartend

Dementsprechend zögerlich, gehemmt und "lahm" spielte nicht nur der WM-Kapitän auf seiner rechten Seite, sondern auch das ganze Team. Es fehlten der Mut zum Risiko und der Zug zum Tor, mithin all jene Tugenden, die das Team vorher noch ausgezeichnet hatte. Und auch die Laufbereitschaft ließ zu wünschen übrig. Sie war diesmal lange nicht so groß wie noch in den beiden vorhergehenden Spielen.

Das lag gewiss, aber nicht nur, auch an den Spaniern, die den Ball in bekannter Weise zirkulieren, den Ball immer wieder zum Mitspieler prallen ließen und den Gegner dadurch immer wieder mal einschläferten und zum Zuschauen verdammten.

Auch wenn die Selección dem deutschen Team klar und in allen Belangen überlegen war und ihm erneut seine Grenzen aufzeigte, wirkte das spanische Spiel lange Zeit zu verspielt, als dass man um das deutsche Team hätte fürchten müssen. Erneut hatte es den Anschein, als ob Xavi, Iniesta, Pedro und Co. mit ihren Pass- und Ballkreationen erst dann zufrieden wären, wenn sie den Ball eigenhändig ins Tor getragen hätten.

So entwickelte sich trotz der Schwächen im deutschen Spiel ein zähes Ringen, bei dem der Zuschauer sich an ein Rasenschach erinnert fühlte. Rasch wurde aber auch deutlich, dass die Mannschaft, die das erste Tor erzielen würde, den Platz auch als Sieger verlassen würde. Und genau so kam es dann auch.

Dass es am Ende doch noch glimpflich für das deutsche Team ausging, lag an dem eigensinnigen Pedro, der statt den Ball ins Tor zu schießen oder zum mitgelaufenen Torres zu passen wie einst Garrincha noch ein paar deutsche Abwehrspieler austricksen wollte.

Der Traum ist aus

Pedros Egoismus änderte aber nichts mehr daran, dass auch das Sommermärchen 2.0 für Deutschland wieder unvollendet blieb. Fluchtartig verließen darum auch die Fans die Fanmeilen. Zurück blieben Scherben, Flaschen und Unmengen von Müll. In Anlehnung an die Stimme Herbert Zimmermanns aus dem Berner Wankdorfstadion titelte der Spiegel treffend: "Aus! Aus! Der Traum ist aus!").

Ob die Zukunft des Teams tatsächlich so rosig ist, wie allgemein prophezeit wird, muss man abwarten. Die Querelen um die Vertragsverlängerung, der Streit um das Kapitänsamt und die künftige Rolle Michael Ballacks im Team werden in allernächster Zeit noch für einigen Zündstoff sorgen.

In vier Jahren wird man in Brasilien auf eine andere Selecao treffen, ein anderes Italien und Frankreich als in Südafrika. Immerhin hat das deutsche Team gestern Abend von den Spaniern eine kostenlose Lehrstunde bekommen ( Meister Spanien schlägt Lehrling Deutschland).

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