Alte: Flucht ins Ausland?

...oder billige Pflegekräfte importieren? Alten-und Pflegeheime in Deutschland werden für die meisten unbezahlbar

Altenheime können enorm teuer sein; monatliche Kosten von 3.000 bis 5.000 Euro sind keine Seltenheit. Wer hat das Geld dafür?

Machten Zahlen des Statistischen Bundesamts erst kürzlich auf einen merklichen Anstieg der Empfänger von Grundsicherung im Alter im Zeitraum von 2005 bis 2010 aufmerksam, so zeugen neue, bislang unveröffentlichte Destatis-Zahlen jetzt, dass immer mehr Ältere auf Unterstützungsleistungen vom Staat angewiesen sind, um Pflege und Betreuung in einem Heim leisten zu können.

Nach Angaben einer Sonntagszeitung, die sich auf Zahlen des Statistikamtes stützt, waren es im Jahre 2010 411.000 Ältere, die eine Hilfe zur Pflege bezogen. Im Jahr zuvor waren es 392.000. Die staatlichen Unterstützungsausgaben für die Pflege stiegen demzufolge auf mehr als 3,4 Milliarden Euro. Seit 15 Jahren würde das Statistische Bundesamt eine Zunahme der auf staatliche Hilfe angewiesenen Pflegebedürftigen notieren; der Anstieg sei aber noch nie so deutlich gewesen wie von 2009 auf 2010, heißt es in dem Zeitungsbericht.

Angesichts der steigenden Lebenserwartung, der Überalterung der Gesellschaft und dem Phänomen der Altersarmut ist der Sozialverband VdK nicht der einzige Warner. Dessen Präsidentin Ulrike Mascher wird mit der Aussage zitiert, wonach das Risiko, durch Pflegebedürftigkeit in Armut abzurutschen, seit Jahren steigt.

Doch nicht alle sehen wie Mascher die politische Antwort darin, Einkommen und Vermögen gerechter zu verteilen und eine stärkere Besteuerung von Bessergestellten zu fordern. Auch Maschers Forderung, die Absenkung des Rentenniveaus von derzeit 51 Prozent auf 43 Prozent bis zum Jahr 2030 zu stoppen, hat starken politischen Gegenwind. Der politische Trend geht dahin, mehr auf private Altersversicherung zu setzen, die sich nicht jeder leisten kann.

Was die Pflege von Alten anbelangt, greifen viele Haushalte längst auf private Intiativen zurück. Man holt sich Hilfe über einen großen Graumarkt, in den häufigsten Fällen Betreuerinnen aus osteuropäischen Ländern. Das können sich Familien mit pflegebedürftigen Großeltern noch leisten, den sehr viel teureren Aufenthalt in einem Altenheim mit Pflege dagegen nicht.

Laut Zeitungsbericht leben drei Viertel der Empfänger von staatlicher Pflegehilfe in Heimen. Nach VdK-Präsidentin Mascher sind derzeit knapp 2,4 Millionen Menschen pflegebedürftig. Für das Jahr 2050 prognostizieren manche 4,7 Millionen Pflegebedürftige. Die sozialen Sicherungssystem müssten sich auf enormen Kosten gefasst machen. Angesichts dessen, dass auch die Zahl derer, die in das Sozialsicherungssystem einzahlen, kleiner wird, werden gigantische Finanzierungslücken, die 2050 bis in die Billionen gehen könnten, befürchtet.

So denkt man anscheinend in den Führungsetagen der Kranken-und Pflegeversicherung darüber nach, die billigeren Löhne, welche die Alten-und Krankenpflege in Osteuropa preiswerter macht, in größerem Stil zu nutzen. Entweder, indem man mit weniger teuren Alten- Pflegeheimen außerhalb Deutschlands kooperiert oder, was privat längst im rechtlichen Graubereich praktiziert wird, Pflegekräfte aus Osteuropa beschäftigt. Dazu müsste aber die Gesetzeslage geändert werden.

Wie das Alten-und Pflegesystem in Deutschland weniger kostenintensiv gestaltet werden könnte, dazu werden leider keine neuen Ideen bekannt. Der Akzent in der Diskussion liegt auf den Löhnen, welche die Heime so teuer machen. Anderseits beklagen sich die in den Pflegeberufen Arbeitenden, dass sie zu wenig Geld bekommen.

Aus dieser Sackgasse suchen nun anscheinend auch Krankenversicherer den Ausweg im lohnkostenbilligeren Ausland. Mit Rehakliniken außerhalb Deutschlands gebe es bereits vertragliche Kooperationen, heißt es. Krankenversicherer hätten auf Anfrage "Offenheit für Modelle signalisiert, in denen Deutsche im Ausland versorgt" würden. Sozialversicherungsexperten plädieren angeblich für Modellversuche, Pflegekräfte aus Osteuropa oder Asien zu importieren.

Gedacht wird auch daran, dass Ältere in südeuropäische Länder ziehen, weil dort die Pflegekräfte billiger sind. "Gerade Spanien sei angesichts seiner Wirtschaftskrise ein logischer Partner, um deutsche Pflegebedürftige aufzunehmen", heißt es in dem Bericht. Ob die Älteren das auch in dieser einfachen Logik sehen?

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