Am Ende: Der Killerfisch

Der letzte Berliner Fantasy-Filmfesttag hat noch einmal einige Überraschungen bereitgehalten - auch in technischer Hinsicht

In dem australischen Hai-Horrorfilm "The Reef" war zwar grundsätzlich nichts Neues zu sehen, aber seit Spielbergs "Jaws" hat der Killerfisch-Film ja sowieso nur noch wenig an Innovation zu bieten - es ist eher die Variation, die reizt. Und in dieser Hinsicht war "The Reef" einer der besten Filme des Festivals. Die Story ist dabei ähnlich rudimentär und auf einen Erzählstrang konzentriert wie die von "Frozen", der vor einigen Tagen auf dem Festival lief.

"The Reef" (Bild: Alle Bilder: Ausschnitt aus dem Trailer)

Eine Gruppe Thirtysomethings, bestehend aus zwei Männern und drei Frauen unternehmen einen Schnorchelausflug zu einem vor Australien vorgelagerten "Turtle Island". Auf der Rückfahrt läuft ihr Boot auf ein Riff und kentert. Nun ist die Frage, ob man auf dem Wrack darauf warten will, bis (ob!) Hilfe kommt oder zurück zur Insel schwimmt. Vier der Fünf entschließen sich zu zweiterem, obwohl sie wissen, dass es Haie in den Gewässern unter ihnen gibt. Einer von denen, ein besonders großer und hungriger weißer Hai, findet die Idee, dass die Taucher zur Insel zurückschwimmen ebenfalls gut.

Unheimliche Blicke von oben und unten

Die gekonnten Perspektivwechsel, mal nahe bei den Schwimmern, mal weit unter oder über ihnen, sind es, die dem Film seine unglaubliche Spannung verleihen. Dass der Hai da ist, wissen sowohl die Schwimmer als auch das Publikum. Nur wo er ist, bleibt oft unklar, bis es zu spät ist. Einer der Schwimmer hat eine Taucherbrille aus dem Wrack gerettet und späht allenthalben das Meer um sich herum nach dem Raubfisch ab. Das trübe Wasser, der Wellengang und die von den Schwimmern verursachten Luftblasen lassen jedoch keinen weiten Blick zu. Umso überraschender wirkt es daher, wenn der Hai beim Näherschwimmen aus der trüben Tiefe langsam sichtbar wird.

Die anderen Schwimmer ohne Taucherbrille müssen sich mit Hai-Zeichen auf der Wasseroberfläche begnügen, die oft genug täuschen. Die Wasseroberfläche selbst wird in "The Reef" mehr noch als in "Jaws" damit zur Demarkationslinie zwischen Wissen und Ahnung, Angst und Hoffnung, Gefahr und Sorglosigkeit. Die wenigen Momente, in denen der Zuschauer mehr sieht als die Schwimmer, sind deshalb auch die beunruhigendsten, weil sie ihn mit Wissen versorgen, dass die Suspense-Situation nur noch steigert.

Uruguayischer Geisterhaushorror

Aus Uruguay kommen nur selten Filme in die internationalen Kinos - und "The Silent House" ist sogar der erste aus diesem Land, den das Fantasy-Filmfest zeigt. Daran mag es wohl auch liegen, dass die Technik bei der Projektion gleich in mehrerer Hinsicht versagte: Zum einen waren Sprache und Untertitel asynchron, was dazu führte, dass die Schrifteinblendungen Minuten, bevor man eine Figur sprechen hörte, zu lesen waren. Dann gab es mehrere Aussetzer und Sprünge auf der Tonspur, die den Eindruck erweckten, der Film ist noch gar nicht fertig postproduziert.

Beides tat dem eigentlich experimentellen Filmprojekt des Regisseurs Gustavo Hernández nicht gut: "The Silent House" wollte seine Geschichte aus einer einzigen Einstellung heraus (gedreht mit einer Digitalkamera) erzählen. Der Authentizitätseffekt dieses dokumentierenden Kamerablicks wurde durch die genannten Störungen leider aber vollständig desavouiert. Zudem hatte "The Silent House" auch intrinsische Probleme mit seiner Erzählung und ihrer Perspektive.

Ein Vater und seine Tochter verbringen die Nacht in einem abseitig gelegenen Haus - sie wollen dort am Folgetag Arbeiten verrichten. Kurz nach ihrem Eintreffen sind jedoch laute Geräusche aus den oberen Stockwerken zu hören, obwohl das Haus eigentlich leer sein soll. Der Vater, der der Sache auf den Grund gehen will, wird von irgendjemandem schwer verletzt; die Tochter befindet sich ab diesem Moment auf der Flucht durch die Dunkelheit des Hauses.

Blickwechsel

Bei dieser Flucht entdeckt sie ein Zimmer, in dem Polaroid-Fotos hängen, die ihr bekannt vorkommen. Mehr und mehr erscheint es so, als seien Vater und Tochter nicht zum ersten Mal in diesem Haus. Ein Fremder, den sie auf ihrer Flucht aus dem Haus trifft, scheint ebenfalls schon einmal dort gewesen zu sein. Die Haunted-House-Geschichte, die auf den ersten Blick einiges Gruselpotenzial zu bieten scheint, wird ab der zweiten Hälfte aber leider von der Optik des Films sabotiert.

Hernández kommt nämlich zwei mal auf die Idee, ohne Hinweise (Zwischenschnitte) die neutrale Perspektive zu verlassen und in die Subjektive zuerst des hinzu kommenden Mannes und schließlich der gejagten Frau zu wechseln. Auf diese Weise will er seine Story "erklären", raubt ihr jedoch damit jeden Reiz. Dass ihm dieses Erklären zum Ende trotzdem nicht gelingt, gesteht er sich schließlich damit ein, dass er, während der Abspann läuft, Polaroid-Fotos einblendet, die sukzessive den "wahren Hergang" der Geschichte aufrollen.

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