Antarktis: Riesen-Eisberg abgebrochen

Bild: Nasa

Klimawandel oder natürlicher Vorgang? In der Antarktis könnte durch einen großen Abbruch der viertgrößte Eisschelf des eisigen Kontinents destabilisiert worden sein

In der Antarktis ist mal wieder ein spektakulärer Eisberg abgebrochen, wie die US-Raumfahrtbehörde NASA meldet. Irgendwann zwischen dem 10. und dem 12. Juli habe sich vom Larsen-C-Eisschelf an der antarktischen Halbinsel eine Eismasse mit einer Fläche von 5800 Quadratkilometern gelöst. Das entspricht in etwa der doppelten Fläche des Saarlandes.

Die Wissenschaftler hatten seit etwa einem Jahr mit dem baldigen Abbruch dieser großen Eismasse gerechnet, da sie der Entwicklung eines Risses im Eis über Satelliten zuschauen konnten. Beim Schelfeis handelt es sich um oft mehrere hundert Meter dicke Massen, die vom Land aufs Meer hinausgedrückt werden und dort auf dem Wasser schwimmen.

Der Abbruch hat daher keinen unmittelbaren Einfluss auf den Meeresspiegel, zumal seine Masse auch nicht groß genug wäre, einen messbaren Anstieg auszulösen. Die Bedeutung des Ereignisses liegt eher in der Dynamik des zurückbleibenden Eises und in den Erfahrungen, die in den letzten beiden Jahrzehnten mit ähnlichen Ereignissen gemacht wurde.

Larsen-C ist nämlich das größte und eines der letzten verbliebenen Eisschelfs an der Antarktischen Halbinsel. (Ein Bild auf Wikipedia zeigt Lage und Größe, auch im Vergleich zu den anderen, größeren Schelfeisflächen.) In der Antarktis ist er der viertgrößte Schelf. Etwas weiter im Norden haben sich erst Larsen A (1995) und dann Larsen B (2002) aufgelöst. Der Wilkins-Eisschelf auf der anderen Seite der Halbinsel ist 2008 und 2009 erheblich geschrumpft.

Vorausgegangen waren jeweils Ereignisse wie das jetzige. Der Hintergrund: Die schwimmenden Eismassen, auf die die von Land abfließenden Gletscher drücken, hängen meist an kleinen Inseln oder Erhebungen am Meeresgrund fest. Brechen größere Eisberge ab, so kommt oft die ganze Masse in Bewegung, wird dadurch destabilisiert und zerbricht weiter.

Nach den Zusammenbrüchen von Larsen A und B wurde festgestellt, dass die angrenzenden Gletscher nun deutlich schneller zur Küste fließen. Das im Wasser schwimmende Eis hatte zuvor als Bremsblock gewirkt.

Das Verschwinden von Larsen A und Larsen B ist von vielen Wissenschaftlern mit der globalen Erwärmung in Verbindung gebracht worden, die sich auch auf der Antarktischen Halbinsel deutlich bemerkbar macht. Ob aber das gegenwärtige Ereignis auch auf den Klimawandel zurückgeführt werden kann, ist ungewiss und wird sicherlich manche Untersuchung anregen.

"Die interessante Frage ist nun, was als nächstes geschieht. Wie wird der Rest des Eisschelfs reagieren? Wird es geschwächt und vielleicht kollabieren, wie seine Nachbarn Larsen A und Larsen B? Werden die Gletscher hinter dem Schelf beschleunigt zur Küste fließen und damit direkt zum Meeresspiegelanstieg beitragen? Oder handelt es sich um das ganz normale Kalben eines Eisberges?"
Kelly Brunt, Goddard Space Flight Center der NASA und Universität von Maryland

Adrian Luckman von der Universität Swansea in Großbritannien, der Larsen C gemeinsam mit Kollegen in den letzten Jahren untersucht hat, geht davon aus, dass es noch viele Jahre dauern wird, bis die Folgen des jetzigen Abbruchs wirklich klar sind. Beim kleiner Larsen-B-Schelf sei 1995 ein vergleichbarer Eisberg gekalbt und dann habe es noch sieben Jhare gedauert, bis der Schelf kollabiert sei.

Der Zusammenhang des jetzigen Ereignisses mit dem Klimawandel ist für ihn nicht unbedingt naheliegend. Der Spalt im Schelf, der 2014 plötzlich angefangen habe, zu wachsen und sich der Eiskante zu nähern, sei bereits seit den 1980ern bekannt gewesen, als es auf der Halbinsel noch kälter war. Ansonsten würden die hinter Larsen C auf Land liegenden Gletscher im Falle einer Destabilisierung des Schelfs und bei vollständigem Abfließen weniger als einen Zentimeter zum Anstieg des globalen Meeresspiegels beitragen.