Antidepressiva bei gesunden Menschen

Zum ersten Mal nehmen Psychotherapeuten für eine Studie den antidepressiven Verkaufsschlager Paroxetin selbst ein.

Der Wirkstoff Paroxetin ist ein weltweit oft verschriebenes Antidepressivum. In Deutschland wurden 2006 rund 31 Millionen Tagesdosen verschrieben, übertroffen noch von Sertralin (39 Millionen Tagesdosen) und dem Marktführer Citalopram (131 Millionen Tagesdosen). Um einen Einblick in die Wirkung und Nebenwirkung des Medikaments bei Gesunden zu erhalten, hat eine kleine Studie nun Paroxetin an 30 Psychologen und Psychiatern getestet. Die Damen und Herren erhielten über vier Wochen 20mg täglich – oder einen Placebo.

Die Ergebnisse sind gleich in mehrere Hinsicht interessant. Zum einen berichteten schon 20 Prozent Placebo-Gruppe von unangenehmen Nebenwirkungen der Scheinbehandlung, in der Paroxetin-Gruppe stieg dieser Anteil auf 70 Prozent an. Die bekannten Schlafstörungen und eingeschränkte Libido waren darunter, auch Übelkeit, Durchfall und Kopfschmerzen.

Zum anderen nahmen die Teilnehmer keine Veränderungen ihrer Gemütslage im Alltag wahr. Dies spricht gegen eine Verwendung des Antidepressivums als Stimmungsaufheller und Lifestyle-Enhancer, denn "Besser als gut" fühlten sich die Psychotherapeuten nicht. Allerdings wollen die Forscher eine reduzierte emotionale Erfahrung bei den Paroxetin-Konsumenten gemessen haben. Diese Messung basiert auf einer Skala mit Namen "Emotional State Questionnaire" (ESQ), die die Forschergruppe selbst entworfen hat und emotionale Zustände besser charakterisieren soll. Konkret antworteten die Forscher auf Fragen wie "Ärgern Sie sich, wenn Sie ein bekanntes Gesicht sehen, das ärgerliche Züge zeigt?" eher mit nein. Ob das nun schon ein Abstumpfen der Gefühle durch SSRIs anzeigt, wie dies schon früher vermutet wurde, sei dahingestellt, nicht zuletzt, weil die Stärke des Effekts unklar bleibt.

Die Studie weist eine weitere Besonderheit auf. Denn zehn der Teilnehmer wurde das Antidepressivum nicht wie üblich doppelblind verabreicht (so dass weder Forscher noch Teilnehmer wissen, ob jemand die Arznei oder ein Scheinpräparat bekommt), sondern sie erhielten das Paroxetin offen, sie wussten also, dass sie keinen Placebo schlucken würden. Seltsamerweise waren bei dieser Gruppe sowohl die psycho-physischen Wirkung wie die Nebenwirkung schwächer als bei der doppelblinden Paroxetin-Gruppe. Abgesehen von den Einschränlungen der Aussagekraft durch die kleine Untersuchungsgruppe (10 Personen), lässt dies Raum für Spekulationen. Vielleicht schiebt das Unwissen darüber, ob man einen Placebo oder einen korrekten Wirkstoff erhält, bereits Prozesse in Gang, die die späteren Wirkung überlagern.

Und noch ein Letztes ist an der Studie erhellend: Früher noch gang und gäbe, ist der klassische Selbstversuch innerhalb der Psychotherapie in Verruf geraten. Die Einnahme von Psychopharmaka gilt als wenig hilfreich für die Therapieprozess. Das Experiment von Besnier und seinen Kollegen zeigt aber: Wenn schon nicht die Wirkungen der Arzneimittel den Therapeuten einen Einblick in die Gefühlswelt ihrer Patienten geben, so doch zumindest die Nebenwirkungen.

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