Apocalypse Later!

Sony verschiebt aus aktuellem Anlass "MotorStorm: Apocalypse"

Normalerweise reagiert die Kulturproduktion zeitnah, wenn auch mit pietätvollem Abstand auf Katastrophen. Manchmal ergeben sich aber auch merkwürdige oder unheimliche Zufälle, die angemessene Schonzeiten unterlaufen: So zieht Sony Computer Entertainment jetzt aufgrund des Erdbebens in Japan seinen scheinbar allzu "nah" an den dortigen Ereignissen orientierten Offroad-Racer "MotorStorm: Apocalypse" bis auf weiteres zurück - und das, obwohl das Spiel schon seit über einem Jahr angekündigt war und eigentlich morgen ausgeliefert werden sollte.

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Szenerie des mittlerweile vierten Teils der "MotorStorm"-Reihe (siehe: Teil 1, Teil 2 und Teil 3) ist eine vom Erdbeben verwüstete Großstadt an der US-amerikanischen Westküste. Ähnlichkeiten zu San Francisco bestehen durchaus. Dort hatte sich 1906 ein verheerendes Erdbeben ereignet und tief ins kulturelle Bewusstsein eingebrannt (das sogar 80 Jahre später noch für ein Computerspielszenario genutzt wurde).

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In einer ähnlich aussehenden, vom Erdbeben zerstörten Großstadt findet in "MotorStorm: Apocalypse" ein Rennen statt. Und die Verwüstung der Stadt ist zum Spielzeitpunkt keineswegs schon vorüber. Während man durch eingestürzte Straßenzüge flitzt, brechen links und rechts Gebäude zusammen, über deren Fassaden man fahren kann, rasen brennende Züge über wankende Brücken an einem vorbei und laufen Menschen, die man natürlich auch überfahren kann, scheinbar ziellos durch die Trümmerlandschaft.

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Reichlich zynisch für ein Videospiel könnte man meinen - zumal vor dem Hintergrund der aktuellen Ereignisse an der japanischen Ostküste. Selbiges dachte sich wohl auch Sony und veranlasste, die Auslieferung des Titels zu stoppen. Diese Reaktion erinnert an jene "catastrophical correctness", die 2001 anlässlich der Terroranschläge in den USA (damals wurde beispielsweise Sam Raimis Spiderman schnell noch einmal umgeschnitten) oder 2006 nach den Überschwemmungen in Süd-Ost-Asien durch die Medien schwappte. Radios spielten, nachdem die Monsterwelle mehr als 100.000 Menschen das Leben gekostet hatte, hierzulande "Die perfekte Welle" der Band Juli vorerst nicht mehr und Filme mit entsprechendem Motivinventar wurden verschoben.

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Auch dieser Tage hatte der TV-Sender RTL2 ohne Begründung die Filme 10.5 - Apocalypse und Atomic Twister aus dem Programm genommen und das WDR-Radio Jörg Buttgereits neues Hörspiel Green Frankenstein ausgesetzt (der Autor konnte sich allerdings an anderer Stelle kulturkonformer über die Metaphorisierung des Schreckens äußern). Im Radio läuft anstelle seiner neuesten Produktion als "Programmänderung!!!!" noch einmal sein schon 2003 entstandenes Hörspiel über Bruce Lee.

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Dass kulturelle Artefakte, zu denen natürlich auch Videospiele wie "MotorStorm: Apocalypse" gehören, durchaus nicht nur als zynischer Kommentar, sondern auch als Akt der "Normalisierung" verstanden werden können, spielt dabei keine Rolle. Um sich nicht den Vorwurf der zynischen Ausbeutung von Katastrophen gefallen lassen zu müssen, reagieren Sender und Distributoren im Zweifelsfall mit Selbstzensur. Diese wiederum schlägt allerdings - wie jede Zensur - stets in ihr Gegenteil um.

Das zeigt sich zum Beispiel daran, welche Resultate die Verschiebung des Videospiels umgehend nach sich gezogen hat: Einige derjenigen Glücklichen, die bereits ein Muster von "MotorStorm: Apocalypse" bekommen haben, schlagen Kapital aus dem Auslieferungsstopp und verkaufen ihre zu Höchstpreisen bei eBay. Denjenigen, die nicht warten können und denen die eBay-Preise zu hoch sind, sei eine Runde Fuel empfohlen.

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