Arktis: Meereis auf dem Rückzug

Ein neuer Rekord wird es in diesem Jahr wohl nicht werden, aber der Zustand der Polarregion gibt keinen Anlass für Hoffnung auf Besserung

Noch vor einem Jahrzehnt, heißt es bei der US-Raumfahrtbehörde NASA, hätte der gegenwärtige Zustand des Eises auf dem Arktischen Ozean einen neuen Rekord dargestellt, und zwar mit großem Abstand. Nach einem für arktische Verhältnisse viel zu warmen Winter und entsprechend dünnem Eis war die Region um den Nordpol im März in die Schmelzsaison gestartet. Dabei nahm das Eis bis zum Mai im rekordverdächtigen Tempo ab. Danach hat sich der Eisschwund allerdings aufgrund überwiegend bewölktem Wetters deutliche verlangsamt.

Im Endergebnis wird das Jahr 2016 aller Voraussicht nach unter den ersten Drei landen, was das Eisminimum im September betrifft. Um die Mitte der neunten Monats erreicht die Eisbedeckung auf dem Nordmeeren regelmäßig ihr Minimum, um dann in Herbst und Winter wieder zu wachsen.

Eisbedeckung am 19. August 2016. Starke Stürme treiben derzeit viel Eis in die warmen Gewässer vor Alaska und der kanadischen Küste. Bild: Uni Bremen (Bild: Uni Bremen)

Der neue Normalzustand, von dem die NASA spricht, sieht allerdings durchaus sehr Besorgnis erregend aus. Hier findet sich auf der Seite des US National Snow and Ice Data Centers ein Vergleich zwischen der aktuellen und der im Mittel der Jahre 1981 bis 2010 üblichen Ausdehnung der Eisfläche. Der Blick auf die Abbildung Uni Bremen, der die Eisbedeckung - deutlich detaillierte - vom Freitag zeigt, offenbart, wie zerrissen das Eis derzeit in weiten Teilen derzeit ist und dass das offene Wasser stellenweise bis 85 Grad Nord reicht. Außerdem hat es ganz den Anschein, als ob sich in der nächsten oder übernächsten Woche die Nord-Ost-Passage öffnen könnte.

Die Lufttemperaturen liegen inzwischen, da die Sonne im hohen Norden nur noch sehr niedrig steht, über großen Teilen der zentralen Arktis wieder unter Null Grad. Die zum Teil sehr lange Eisfreiheit hat allerdings dafür gesorgt, dass sich das Wasser vor der kanadischen, US-amerikanischen und Teilen der sibirischen Küste überdurchschnittlich erwärmen konnte. Starke Winde treiben das Eis derzeit in diese Gewässer, so dass das Eis dort im vergleichsweise warmen Wasser von unten weiter tauen wird.

Der sich ausweitende sommerliche Eisschwund geht einher mit einem Rückgang der Permafrostzone und einer früheren Schneeschmelze. Nicht nur der arktische Ozean sondern auch die umliegenden kontinentalen Regionen erwärmen sich. Ein Prozess, der sich wechselseitig verstärkt und in der Zukunft die Wetterregime in den gemäßigten Breiten erheblich verändern wird. Auf den Meeresspiegel hat der Eisverlust hingegen nur einen geringfügigen direkten Einfluss, da das Eis die gleiche Menge Wasser verdrängt, die in ihm gebunden ist. Daher kann der Meeresspieegl nicht ansteigen, wenn es schmilzt.