Arktis: Meereis nimmt langfristig weiter ab

Deutsche Wissenschaftler bilanzieren den diesjährigen Rückgang

Das Meereis auf dem arktischen Ozean ist, wie berichtet, in diesem Jahr nicht so weit wie ein Jahr zuvor zurückgegangen. 2012 lag der Septembermittelwert der Eisausdehnung bei lediglich 3,4 Millionen Quadratkilometer, wobei damit das Meeresgebiet erfasst ist, das zu mindestens 15 Prozent mit Eis bedeckt ist. In keinem Jahr zuvor, seitdem es verlässliche Aufzeichnungen über die Eisbedeckung gibt, war das Eis soweit zurückgegangen. Über die erste Hälfte des diesjährigen Septembers gemittelt beträgt die Ausdehnung hingegen 5,1 Millionen Quadratkilometer. Wie die erste Grafik zeigt, liegt der diesjährige Wert damit noch immer ziemlich gut im rückläufigen Trend.

September-Mittelwerte der Meereisausdehnung in der Arktis. Die graue Linie zeigt den linearen Trend. Der Wert für September 2013 ist vorläufig, ein Fehlerbalken markiert den Bereich, in dem der endgültige Wert liegen sollte. (Bild: AWI, Uni Bremen)

Auch Lars Kaleschke vom KlimaCampus der Universität Hamburg und Marcel Nicolaus vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven (AWI), die sich beide seit Jahren mit dem Eis in der Arktis beschäftigen, sind nicht überrascht, dass in diesem Jahr das Rekordminimum nicht erneut erreicht wurde. Die beobachtete Eisbedeckung reihe sich in die geringen Werte der letzten Jahre ein und bestätige die langfristige Abnahme der arktischen Meereisdecke. "In diesem Jahr war nicht mit einem neuen Negativ-Rekord zu rechnen, denn die Statistik zeigt, dass auf ein Rekordjahr stets eine kurzfristige Erholung folgt. Daher können Trends nur durch die Betrachtung langer Zeiträume richtig erfasst werden", meint Kaleschke.

Die Schwankungen der sommerlichen Eisbedeckung von Jahr zu Jahr resultiere aus einem komplexen Zusammenspiel: "Eine entscheidende Rolle spielen dabei die Eisbedingungen im Frühjahr, der Verlauf der Schmelzsaison sowie die atmosphärischen Bedingungen im Sommer. So beeinflusst zum Beispiel die vorherrschende Windrichtung maßgeblich, ob die Eisflächen auseinandergetrieben oder zusammengeschoben werden. Und schon ein geringer Eintrag von mehr Wärme in die Arktis reicht aus, um die insgesamt immer dünner werdenden Eisflächen ganz verschwinden zu lassen", erläutert Nicolaus. Die Wissenschaftler rechnen daher auch in den nächsten Jahren mit großen Schwankungen der sommerlichen Meereisbedeckung in der Arktis.

Meereiskonzentration in der Arktis im Sptember 2013. Gezeigt wird die aus den Tageswerten der ersten Septemberhälfte 2013 (1.-17. 9.) gemittelte Eiskonzentration. Die rote Linie markiert die Fläche des Meereisminimums 2012. (Bild: AWI, Uni Bremen)

Die beiden Wissenschaftler weisen außerdem auf die bereits in der Wochenschau kurz beschriebene besondere Situation nördlich von Franz-Josef-Land hin. Die Grenze des kompakten Packeises habe sich bis hinter den 88. Breitengrad zurückgezogen. Das habe es seit Beginn der Satellitenmessungen in den 1970er Jahren nicht gegeben. Zudem zeigten sich vermehrt große Flächen offenen Wassers zwischen 87 und 88 Grad nördlicher Breite, also nur noch rund 220 Kilometer vom Nordpol entfernt. In den 1990er Jahren habe die sommerliche Packeisgrenze noch bei etwa 80 bis 82 Grad nördlicher Breite gelegen. "Diese Phänomene belegen, dass sich die arktische Eisdecke grundlegend gewandelt hat: Dort wo einst dickes mehrjähriges Packeis vorherrschte, findet sich nun vorwiegend saisonales Eis", so Kaleschke.

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