Arktis: Mit dem Segelboot durch die Nordwestpassage

Das Meereis zieht sich immer weiter zurück. Größere Teile des Polarmeeres sind inzwischen frei. Alte Karten aus den 1930ern belegen die Einzigartigkeit der Entwicklung

Dieser Tage ist zum ersten mal ein ganz normales Sportboot ohne jede Sonderausrüstung für vereiste Gewässer durch den McClure-Sund gefahren, der das letzte Ende der Nordwestpassage zwischen den Inseln der kanadischen Arktis bildet. Der kanadische Sender CBC berichtet auf seiner Homepage, dass der schwedische Segler "Belzebub 2" den Sund Mitte der Woche passiert habe und nun in das Beringmeer hinaus fahre.

Eisbedeckung am 31. August (Bild: Polar Research Group University of Illinois at Urbana-Champaign)

Die Segler hätten eine sehr anstrengende Tour hinter sich, 40 bis 50 Prozent des Wassers seien stellenweise noch von Eis bedeckt gewesen. Dennoch markiert die Fahrt die dramatischen Veränderungen in der Arktis. Bis vor wenigen Jahren war die Passage ganzjährig durch dicke Eismassen versperrt, die nur Eisbrecher passieren konnten. "This is unheard of. The bodies of water that we’re sailing through right now should be packed with thick ice", wird Skipper Nicolas Peissel von CBC zitiert. Die dreiköpfige Crew hat die Reise auch unternommen, um auf den Eisschwund aufmerksam zu machen.

Jahresgang der Eisfläche. Zum Vergleich ist das Mittel der letzten 30 Jahre eingezeichnet. (Bild: Polar Research Group University of Illinois at Urbana-Champaign)

Das kanadische Schiff St Roche brauchte 1940-42 28 Monate für die Fahrt von Vancouver am Pazifik nach Halifax am Atlantik und musste wie einst Roald Amundsen eine südliche Route nehmen. Auf der Rückfahrt 1944 schaffte sie die Passage als erstes Schiff in einem Jahr, allerdings ebenfalls auf einer südlichen Route und nicht durch den wesentlich breiteren, aber zu der Zeit auch im Sommer völlig unpassierbaren McClure-Sund.

Der Eisschwund geht munter weiter

Die erste Grafik oben zeigt das Eis am 31. August. Die zweite stellt den jahreszeitlichen Gang der Eisfläche dar. Wie man sieht, ist sie sie inzwischen 2,374 Millionen Quadratkilometer kleiner als der Mittelwert. Gleichzeitig liegt sie damit auch schon fast eine halbe Million Quadratkilometer unter dem letzten Minimumrekord, der Mitte September 2007 erreicht wurde. Aber das Schmelzen wird vermutlich noch rund zwei Wochen weiter gehen. Zuletzt sank die Ausdehnung des Eises um rund 40.000 Quadratkilometer pro Tag. Die dritte Grafik schließlich zeigt zur Abwechslung mal nicht die Eisfläche, sondern das Eisvolumen, das am Polar Science Centre der University of Washington in Seattle berechnet wurde.

Jahresminimum der Eismasse, für 2012 der aktuelle Wert Ende August (Bild: PIOMAS, Polar Science Centre University of Washington, Seattle)

Auch hier geht der Trend klar nach unten, und zwar noch viel deutlicher als in der Fläche. Ganz offensichtlich ist es nur noch eine Frage von Jahren, bis das dicke mehrjährige Eis ganz verschwunden ist. Dann wird der arktische Ozean nur noch im Winter eisbedeckt sein und die nächste Frage wird sein, wie früh das Eis auftaut. Denn die Sonneneinstrahlung ist am intensivsten in den Wochen um die Sommersonnenwende Ende Juni. Je mehr Meer zu dieser Zeit schon frei ist, desto stärker wird die Sonne die Arktis erwärmen, zusätzliche Treibhausgase in der Tundra und unter dem Meer freisetzen und sicherlich auch zum verstärkten Abtauen der Gletscher auf Grönland und dem arktischen Archipel beitragen.

Und zum Schluss ein kleiner Blick in die Geschichte. Es soll ja Leute geben, die meinen, im letzten Jahrhundert sei irgendwann schon mal das Eis auch nur im entferntesten ähnlich weit wie derzeit zurück gegangen. Denen sei zu einem Blick in die alten Aufzeichnungen der dänischen Meteorologen geraten. Dort werden sie Karten wie die in der unten stehenden Abbildung finden. Sie zeigt Eisbeobachtungen aus dem August 1938, einem Jahr, in dem das Eis erheblich weiter als bis dahin üblich zurückgegangen war, und das von den vermeintlichen Skeptikern mitunter als Beweis dafür angeführt wird, die jüngste Erwärmung in der Arktis und der damit verbundene Eisrückgang sei gar nicht so einzigartig und daher nicht Folge eines langfristigen Trends. Wie man sieht, waren auch 1938 die Passagen versperrt und die Eisfläche erheblich größer als derzeit. (Natürlich handelt es sich bei der alten dänischen Karte mehr um einen Monatsdurchschnitt, die man eher mit Karten von Anfang und Mitte August 2012 vergleichen sollte.

Eisverteilung im August 1938 (Bild: DMI)
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