Arktis: Nordost-Passage offen

(Bild: Packeis in der Bellotstraße 2010. Bild: Ansgar Walk / CC BY-SA 3.0 )

Große Flächen des arktischen Ozeans sind derzeit eisfrei. Alaskas Küstendörfer fürchten wegen Erosion der Ufer um ihre Sicherheit, werden aber von der Regierung in Washington allein gelassen

Zum ersten Mal habe in den letzten Wochen ein Tanker ohne Begleitung eines Eisbrechers den arktischen Ozean entlang der russischen Küste durchquert, berichtet die britische Zeitung Telegraph. Bei dem Schiff handelte es sich aber immerhin um ein mit besonderen Verstärkungen am Rumpf versehenes Gefährt. Die Zeitung spricht gar von einem "eingebauten Eisbrecher".

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Der Tanker brachte Flüssiggas von Hammerfest in Norwegen binnen 19 Tagen ins südkoreanische Boryeong. Das sei um 30 Prozent schneller gewesen als der Weg durch den Suez-Kanal und um Asien herum. Für die Durchquerung der arktischen Gewässer seien nur sechseinhalb Tage nötig gewesen.

Die Nordost-Passage entlang der sibirischen Küste ist zur Zeit annähernd eisfrei, wie Satellitendaten zeigen. Was vor 15 oder 20 Jahren noch unvorstellbar war, tritt inzwischen fast regelmäßig ein. Entweder bricht die Eisdecke vor der sibirischen Küste oder zwischen den kanadischen Inseln, die Nordwest-Passage, in der zweiten Sommerhälfte auf. In einigen Jahren sind auch beide Seewege frei. Weil in den Gewässern aber mit Treibeis zu rechnen ist, ist die Passage nicht ganz ohne Risiko.

In diesem Jahr war die Meereisdecke im März aufgrund eines erheblich zu warmen Winters von sehr niedrigem Niveau in die Tau-Saison gestartet. Allerdings fielen dann April und Mai relativ kühl aus. Außerdem sorgen günstige Windverhältnisse dafür, dass in diesem Sommer bisher nur sehr wenig Eis aus dem arktischen Ozean herausgetrieben wurde.

In der Summe führt das dazu, dass die Eisbedeckung auf dem arktischen Ozean zwar nach wie vor deutlich kleiner als in den vergangenen Jahrzehnten üblich ist, aber in diesem Jahr der Minusrekord von 2012 sicher nicht mehr unterboten wird.

Dennoch sind große Wasserflächen seit Wochen frei. Nördlich Alaskas ist das Wasser bis zum 80. Breitengrad offen und kann somit rund um die Uhr von der arktischen Sommersonne beschienen und erwärmt werden. Wäre es mit Eis bedeckt, würde – bei wolkenfreiem Himmel – rund 60 Prozent der einfallenden Energie ins All reflektiert, ohne im Klimasystem eine Rolle spielen zu können.

Die Erwärmung ist für die Küstendörfer und -Städtchen oft ein erhebliches Problem. Zum einen, weil offenes Meer Seegang und während der in der sommerlichen Arktis häufigen Stürme hohe Wellen bedeutet, die die Küsten angreifen. Zum andern, weil der Permafrost zurückgeht, der Küstensaum auftaut und dieser somit leichte Beute der – stärkeren – Wellen wird.

Da ist es natürlich wenig hilfreich, dass die US-Regierung gerade die sogenannte Denali Commission aufgelöst und deren Arbeit hat einstellen lassen. Diese hatte darin bestanden, die Verlegung von bedrohten Siedlungen zu planen, wie die ebenfalls britische Zeitung Guardian schreibt. Die Zeitung zitiert Aussagen des Ingenieur-Korps der US-Armee, wonach 31 Dörfer konkret bedroht seien. Die Temperaturen würden in Alaska zweimal so schnell wie im globalen Durchschnitt steigen.

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Auch in den südlichen Bundesstaaten hält die neue Regierung in Washington wenig von Vorbeugemaßnahmen. Wie die Plattform NJ.com aus New Jersey berichtet, hat US-Präsident Donald Trump eine Verordnung seines Vorgängers widerrufen, die für die Planung von Immobilien und Infrastruktur an der Küste vorgeschrieben hatte, den steigenden Meeresspiegel zu berücksichtigen.

Dieser hält sich indes weder an präsidiale Verordnungen noch deren Widerrufung, sondern steigt munter weiter, derzeit um etwa 3,4 Zentimeter pro Jahrzehnt. Doch das ist nur der globale Durchschnitt. Die US-Ostküste, an der New Jersey liegt, gehört zu jenen Regionen auf der Welt, in denen der Anstieg deutlich überdurchschnittlich ausfällt.

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