Atomenergie: Renaissance oder teurer Ladenhüter

Großbritannien will neu bauen, Kernkraft immer teurer und unwirtschaftlicher, 500 Tonnen Plutonium aus ziviler Nutzung liegen auf Halde, sollen sie mangels Nachfrage endgelagert werden?

Erstmals seit 1995 soll in Großbritannien ein neues Atomkraftwerk realisiert werden. Bauen soll es der französischen Stromkonzern EDF in Hinkley Point in Westengland. Das britische Ministerium für Energie und Klimawandel hat die Baugenehmigung bereits erteilt. Auch die weiteren AKW-Neubaupläne klingen gerade so, als wolle Großbritannien bei der Stromversorgung mit Nachdruck auf die Kernkraft setzen. Verbindet sich für die dortige Politik doch damit die Hoffnung so mit herkömmlicher Technik Stromversorgung und Klimaziele sicherzustellen ohne neue Wege gehen zu müssen.

Und EDF will sogar noch zwei weitere Reaktoren in Suffolk bauen. Außerdem prüfen Hitachi aus Japan und die britische Suez-Tochter NuGen einen AKW-Standort im nordwestenglischen West Cumbria. Verwundert reibt man sich die Augen hatten doch die deutschen Konzerne RWE und EON gerade erst vor einem Jahr aus Kostengründen Pläne in Großbritannien neue Atomkraftwerke zu bauen aufgegeben. Ob EDF allerdings tatsächlich baut ist noch unklar, denn auch EDF möchte sich die "Wirtschaftlichkeit" des neuen AKWs vorher garantieren lassen. Es wurde erklärt, dass zur Zeit noch über ein sogenanntes Differenz-Geschäft verhandelt werde, das die "Rentabilität" des AKWs für EDF sicherstellen soll, die Politik mischt also wieder mal mächtig mit.

Kein Wunder findet der Forschungsverbund EHNUR am Institut für Sicherheits- und Risikowissenschaften der Uni Wien, der gerade seine Ergebnisse zur weltweiten Zukunft der Kernkraft vorgestellt hat. Es sei offensichtlich, dass die angekündigte "nukleare Renaissance" nicht stattfinden könne. Die neuen Reaktordesigns, die sicherer, einfacher und deshalb eigentlich billiger sein sollten, seien nachweislich teurer als ihre Vorgänger, dabei aber in Bezug auf Bauzeit und Baukosten ebenso problematisch zu errichten. Diese Risiken könnten bei den teuren AKW-Bauten existenzbedrohend für die Betreiber werden, sie seien einer der Gründe dafür dass Neuerrichtungen mit Regierungsbeteiligung erfolgen - um die Risiken zu sozialisieren.

Zwar gab es laut EHNUR in den letzten fünf Jahren weltweit einen Anstieg bei den Bestellungen für Kernkraftwerke, der aber weit unter denen der 70er Jahre zurückblieb. Außerdem finden Neubauprojekte in nur wenigen Ländern statt und zu 75 Prozent allein in China. Wobei die Chinesen allerdings nur alte Reaktordesigns anbieten, die bereits in den frühen 1970er Jahren entwickelt wurden. Hinzu kommt noch die Versorgungslage mit Kernbrennstoffen. Über die kommenden Jahrzehnte werde der Uranabbau in Minen die Hauptversorgungsquelle bleiben, Wiederaufarbeitung, Abreicherung von atomwaffenfähigem Uran und Lagerreserven dagegen nur eine untergeordnete Rolle spielen. Das führe dazu dass die bestehenden Reaktoren noch 10 bis 20 Jahre, bei sehr günstigen Annahmen 40 Jahre mit Brennstoff versorgt werden könnten. Ein starker Zubau würde deshalb alleine an der nicht ausreichenden Versorgung mit Uran scheitern.

Die Pläne, Mischoxid-Brennstäbe (MOX) könnten diese Lücke schließen, erwiesen sich als nicht realisierbar. Mit dem Ende der Atomeuphorie endet so auch eine mengenmäßig relevante Beimischung von Plutonium das aus abgebrannten Uran-Brennstäben stammt und für Mischoxid-Brennstäbe verwendet werden sollte. Es lassen sich auf diese Weise nur geringe Mengen in AKWs weiterverwenden. Daneben sind auch hier die enormen Kosten ein Grund für die Unwirtschaftlichkeit der Technik. So wurde für die MOX-Fabrik, die der französische Atomkonzern AREVA seit 2008 in South Carolina baut bisher statt geplanter zwei Mrd. Dollar schon das Doppelte ausgegeben. Fertigstellung und Betrieb der Anlage sollen weitere 13 Mrd. Dollar kosten.

Und auch in Großbritannien das alleine über 90 Tonnen Plutonium aus ziviler Nutzung angehäuft hat musste eine Wiederaufbereitungsanlage wieder schließen, weil sie nur ein Prozent der ursprünglich kalkulierten Leistung brachte. Zwar wird weltweit über alternative technische Lösungen diskutiert wie die Plutonium-Halden genutzt werden könnten, doch sprechen sich die Symposiums-Organisatoren wie auch die französische Atomlobby für eine Endlagerung tief in der Erde aus. Wohl in der Hoffnung das Atomzeitalter so irgendwie vergessen machen zu können.

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