Atomkraft: Britische Renaissance lässt auf sich warten

Großbritanniens Regierung setzt immer noch auf den Bau neuer AKWs, kommt aber kaum voran

Um Großbritanniens Atompläne ist es nicht allzu gut bestellt. Ohnehin ist die Konstellation etwas ungewöhnlich: Die atomfreundlichen Tories regieren mit den im liberalen Spektrum bisher eher links stehenden Liberaldemokraten, die sich im Europawahlkampf 2009 und im britischen Urnengang 2010 strikt gegen neue Atomkraftwerke ausgesprochen hatten. In der Koalition haben sich jedoch die Atomfreunde durchgesetzt, die die bereits von der vorhergehenden Labour-Regierung Anfang 2008 aufgestellten Pläne für zehn neue Reaktoren weiter verfolgen.

Allerdings derzeit nur mit mäßigem Erfolg. Im Frühjahr hatten sich RWE und E.on von ihren britischen AKW-Plänen verabschiedet. Noch im Rennen ist vor allem die französische EDF. Auch die beiden japanischen Unternehmen Toshiba und Hitachi würden gerne bauen. Letztere sind zuletzt durch die Auslieferung von unbrauchbaren Kesseln für Kohlekraftwerke aufgefallen und werden sich wohl mit Schadensersatzforderungen in Milliardenhöhe auseinandersetzen müssen. EDF versucht derweil, chinesische Partner ins Boot zu holen. Von der spanischen Iberdrola ist nicht klar, ob sie vielleicht demnächst abspringen wird, ähnliches wird von GDF Suez und dem einzigen verbliebenen britischen Interessenten Centrica gemunkelt.

Mag allerdings sein, dass Centrica auch nur ein wenig Druck machen wollte. Ende des Jahres soll nämlich die Bandbreite für die Einspeisevergütungen für AKWs festgelegt werden. Ja, richtig gelesen: Während hierzulande Liberale gegen das Erneuerbare Energiegesetz und seine fixen Einspeisevergütungen zu Felde ziehen, weil diese Subventionen darstellen und daher des Teufels seien, wollen ihre angeblich atomkritischen Parteifreunde, die den Atomplänen im Koalitionsvertrag nur unter der Maßgabe zugestimmt hatten, dass die AKW ohne Subventionen gebaut werden, nun solche für die Atomindustrie einführen.

Aber trotz diesem Zuckerl gibt es noch manche Hürde, die der Neubau von AKWs zu nehmen hat. Großbritannien hat zum Beispiel noch immer kein offizielles Endlager für seinen Atommüll. (Inoffiziell nutzt die Wiederaufbereitungsanlage in Sellafield seit den 1950er Jahren die Irische See und die Nordsee als Halde für einen Teil des britischen und auch deutschen Atommülls.)

Offensichtlich gestaltet sich die Endlagersuche in Großbritannien ähnlich schwierig wie in den USA – 15 Milliarden US-Dollar wurden dort bereits in den Sand gesetzt – oder hierzulande, wo Merkels "Billig-Lösung" eigentlich längst tot ist, aber die Entscheidung weiter verschleppt wird. Aus Großbritannien berichtet nun der Independent, dass im nordwestenglischen Cumbria der Rat der Grafschaft sich gegen ein dort geplantes Endlager ausgesprochen hat. Auch Investitionen in Höhe von knapp 15 Milliarden Euro konnten letztlich nicht überzeugen. Soltte es die die EU-Kommission mit ihrer Forderung nach einem Endlagerkonzept tatsächlich ernst meinen, wird es also bald eng werden.

Laut Wikipedia laufen in Großbritannien derzeit noch 16 Reaktoren an neun Standorten. Der älteste ging 1971 ans Netz, der jüngste 1995. Die Bauzeit, auch das eine wichtige Größe, wenn es um den Beitrag geht, den die Atomkraft zur künftigen Energieversorgung leisten könnte, betrug im günstigsten Fall sieben Jahre, bei den alten Modellen, die am Anfang der Lernkurve standen, meist über zehn Jahre.