Auch Gewalt in lesbischen Beziehungen muss thematisiert werden

Bettina Hammer
Außer Kontrolle

Das österreichische feministische Magazin "Anschläge" sieht Defizite im Umgang mit häuslicher Gewalt

Häusliche Gewalt, gleichgültig ob sie nun physischer oder psychischer Natur, kommt in vielen Beziehungen vor. Vielfach wird sie fast automatisch mit einem Klischee des schlagenden Mannes innerhalb einer Hetereobeziehung assoziiert. Doch so vielfältig wie die heutigen Beziehungskonstrukte sind, so vielfältig sind auch die Täter-Opfer-Konstellationen. Das österreichische feministische Magazin "Anschläge" hat in seiner derzeitigen Ausgabe Angela Schwarz von der Wiener Antidiskriminierungsstelle für gleichgeschlechtliche und transgender Lebensweisen (WASt) interviewt, die beim Thema "Gewalt innerhalb von lesbischen Beziehungen" erhebliche Defizite sieht und darauf hofft, dass hier innerhalb der nächsten Jahre ein Umdenken stattfindet.

Frau Schwarz konstatiert, dass das Ausmaß der Beziehungsgewalt ähnlich wie in Heterobeziehungen sei. Jedoch suchten dort bereits ca. 20 bis 24% der Betroffenen Hilfe, bei lesbischen Beziehungen sei die Quote lediglich bei 3% bis 5 %. Hintergrund sei unter anderem, dass viele Frauen denken, sie wären eine Art Nestbeschmutzer, wenn sie zugeben, dass die lesbische Beziehungen auch nicht gewaltfrei sei. Der Anspruch, dass eine lesbische Beziehung, wenn sie schon eingegangen wird, problemlos und vor allen Dingen gewaltfrei sein muss, mache es schwer, sich einzugestehen, dass die Beziehung diesem Anspruch nicht gerecht wird. Hinzu kommen die auch als Heterobeziehungen bekannten Gründe, häusliche Gewalt nicht an die Öffentlichkeit zu tragen: Scham, Angst vor dem Verlust des Partners, die Suche der Schuld bei sich selbst.

Im Interview sieht Frau Schwarz auch eine Verantwortung bei der Gewaltschutzbewegung und deren Klischees. Auf die Frage: "Wie lässt sich der Mythos erklären, lesbische Beziehungen wären gewaltfrei?" merkt sie an: "Ich glaube, das kommt schon auch aus der Gewaltschutzbewegung, in der es um Männergewalt gegen Frauen ging, und wo die Rollen klar waren: Männer sind Täter, Frauen sind Opfer. Es stimmt schon, dass das hauptsächlich so ist. Aber wenn es in einer Beziehung keinen Mann gibt, fällt die Gewalt weg? Es gibt ein gesellschaftliches Bild, vor dem wir ja auch nicht gefeit sind, nämlich, dass Frauen keine Gewalt ausüben."

Auch die Opferschutzeinrichtungen sollten sich auch speziell an lesbische Frauen wenden und nicht nur sagen "Wir sind für alle Opfer da" merkt Frau Schwarz an. Sie weist ferner auf ein Projekt der EU hin, welches sowohl die Opfer als auch die Täter adressiert und zeigt hier neue Wege der Strategie gegen häusliche Gewalt auf.

Das Interview bringt ein bisher eher selten ins Licht der Öffentlichkeit gerückte Thema in eben dieses Licht und zeigt auf, dass gerade auch häusliche Gewalt in vielfältiger Art zu finden ist. Zwar sollte natürlich dabei die Struktur der Beziehungen eine Rolle spielen, wenn es um die Hilfe geht, doch sollte sich die Hilfe an alle richten, egal in welcher Beziehung jemand ist und welchem Geschlecht er angehört. Hierfür würde es hilfreich sein, Opfern häuslicher Gewalt niemals mit Hohn, Spott oder Belustigung zu begegnen, sie zu stärken und auch zu verstehen, dass häusliche Gewalt nicht immer das Klischee des "körperlich stärkeren Menschen, der gegen den körperlich schwachen Menschen agiert" bedient. Sogenannte Tipps, dass der häuslichen Gewalt mit Gegenwalt zu begegnen wäre ("Hau ihm/ihr halt eine rein, dann ist Ruhe"), Klischeedenken und auch die Annahme, dass derjenige, der nicht gleich den Weg aus einer gewalttätigen Beziehung findet, eben zu schwach und selbst schuld ist, sind hier fehl am Platz, finden sich aber trotzdem immer wieder.