Augsteins Schattenmann

SPIEGEL-Mitbegründer Hans Detlev Becker verstorben

Gestern gab SPIEGEL Online den Tod von Hans Detlev Becker bekannt, der im 94. Lebensjahr verstarb. Das Hamburger Nachrichtenhaus behält ihn als "einen der ersten Enthüllungsjournalisten der Bundesrepublik" in Erinnerung. Dem "Mann in Augsteins Schatten", der eigentlich die erste Wahl für das in Abstimmung mit den britischen Besatzern gegründete Blatt gewesen war, zollen die Kollegen Respekt für seine Enthüllungs-Coups sowie seine Courage während der SPIEGEL-Affäre. Über die (eigenen) Toten nur Gutes.

Ein Enthüllungsjournalist lebt allerdings von seinen Mitarbeitern und Quellen, und hier beweist der SPIEGEL in seinem Nachruf blinde Flecken. Becker, der im Zweiten Weltkrieg als Funker zum Nachrichtendienst zählte, arbeitete in den 1950er Jahren mit ehemaligen SS-Leuten wie Georg Wolff und Horst Mahnke, der die ethnische Säuberung Londons geplant hatte, als leitenden Redakteuren. Sowohl Goebbels Pressereferent Wilfried von Oven als auch der Pressechef des NS-Außenministeriums, Paul Karl Schmidt, fanden im SPIEGEL einen neuen Arbeitgeber.

Besonders spannend aber war Beckers Freundschaft mit Hans-Heinrich Worgitzky, der in der geheimen Organisation Gehlen für Hamburg und Bremen zuständig war. Worgitzky machte Becker bei einem konspirativen Treffen mit General Reinhard Gehlen bekannt, was eine florierende Kooperation zwischen Nachrichtendienst und Nachrichtenmagazin zur Folge hatte. So plante der zwielichtige Gehlen, der seine Organisation bis dahin eher wie einen Geheimbund geführt hatte, den Schritt in die Öffentlichkeit. Diesen vollzog der SPIEGEL 1954 mit einer schmeichelhaften Titelstory Des Kanzlers lieber General.

Zwar verbat sich Becker das Anwerben seiner Mitarbeiter als Agenten, der Journalist war sich jedoch nicht dafür zu schade, Gehlens inzwischen unter "BND" firmierenden Leuten persönlich über die Recherche-Methoden der SPIEGEL-Redaktion zu referieren. Dass Gehlen damals fähig wäre, der CIA für den Fall eines SPD-Wahlsiegs einen Staatsstreich von rechts anzubieten, kam Becker nicht in den Sinn. Im Vorlauf zur SPIEGEL-Affäre nutzte Becker 1962 seine BND-Kontakte, um das Material prüfen zu lassen.

Worgitzky war schließlich zum BND-Vizedirektor aufgestiegen, musste jedoch für Gehlen eine Panne ausbaden und verließ den BND 1967. Bei der Suche nach einem neuen BND-Vizepräsidenten nannte Hamburgs Innen-Senator Heinz Ruhnau auf Anhieb den SPIEGEL-Verlagsdirektor Becker.

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