Ausbruch, Jugend, Rebellion...

Worum geht es wirklich auf Filmfestivals? Um neue Wege, um ein freies, künstlerisch wie politisch radikales Kontrastprogramm zum Mainstream - Filme aus den Nebensektionen des Filmfestivals von Venedig

Bis auf wenige Ausnahmen - "The Hurt Locker" von Kathryn Bigelow, "Birdwatchers" von Mario Bechis, "Plastic City" von Yu Lik-wai - liefen die stärksten Filme beim diesjährigen Filmfestival von Venedig in den Nebenreihen, allen voran in der noch jungen Sektion der "Giornate degli Autori", die vom italienischen Regieverband kuratiert wird - eine Art freies, künstlerisch wie politisch radikaleres Kontrastprogramm zum offiziellen, in diversen politischen, ökonomischen, und filmpolitischen Berechnungen gefangenen "Mostra"-Programm, das im Festivalparcours mehr und mehr eine ähnliche Position einnimmt, wie die Quinzaine in Cannes und das Forum auf der Berlinale. Vom unabhängigen italienischen Kritikerverband wurden die Gionati bereits als beste Sektion ausgezeichnet.

Hier lief neben anderem auch der französische Film "Stella", der dritte Spielfilm von Sylvie Verheyde. Ein nur oberflächlich betrachtet kleiner Film über eine Jugend in den 70er Jahren, basierend auf autobiographischen Erlebnissen: Im Jahr 1977 kommt die 11-jährige Stella auf ein Pariser Nobelgymnasium, in der die Mädchen Laetitia oder Nathalie heißen. Sie selbst stammt aus proletarischen Verhältnissen, ihre Eltern betreiben eine Arbeiterbar. Stella ist Einzelkind, hat kaum Freunde, wird fast natürlich zur Außenseiterin, zieht sich folgerichtig in das innere Reich der Literatur (Balzac, Duras) zurück, und guckt gern alte Filme wie Josef von Sterbergs Dietrich-Monumentalschinken "The Scarlett Empress". Eine subjektiv aus Sicht der Hauptfigur erzählte Zeitreise in ein pastelliges 70er-Jahre-Paris, eine Zeit, in der man zu "Ti Amo" Schieber tanzte, von Alain Delon träumte - die wahre Seite von "La Boum", untermalt von tollem Nostalgie-Soundtrack. Ein Film über Klassenverhältnisse und Selbstbehauptung, über die Schönheit unprätentiöser Rebellion.

Weitere versteckte Highlights in den Nebenreihen: Der mexikanische Beitrag "Yoy a explotar". Gerardo Naranjo erzählt ebenfalls vom Erwachsenwerden, Entdeckung des Ichs, der Sexualität, der Außenwelt - anhand eines 15-jährigen Liebespaares. Nicht zufällig stammt die Filmmusik (wo es sich nicht um Mexiko-Pop handelt) von Georges Delerue - und stellenweise spielt der Regisseur wie der junge Godard mit den Mitteln des Mediums. Etwa in der grandios inszenierten Szene des Ausbruchs der Jugendlichen aus einer Schule. Sie verstecken sich dann auf der Dachterrasse der Eltern, hören der Erwachsenenwelt heimlich zu und verleben eine unbeschwerte Auszeit aus der Realität - bevor diese sie einholt. Oder "Sell Out" aus Malaysia, eine Komödie über Reality-TV, erzählt als Mischung aus Screwball-Dialogen a la Coen-Brüder und Musical.

Der diesjährige Überraschungsfilm kam wieder einmal aus China, was auch die Zensur zu umgehen hilft: Emily Tang erzählt in "Plastic Life" eine melancholische Story von Leben und Überleben in der bei Hongkong gelegenen wirtschaftlichen Sonderzone Shenzhen. Abwechselnd stehen zwei Frauen im Zentrum, die eine, noch voller Hoffnung, kratzt Geld fürs Studium zusammen, die andere ist geschieden und hat die Hoffnung schon hinter sich. Zwei Perspektiven auf Frauenleben - das erinnert an Agnès Varda, die gerade 80 gewordene Mitbegründerin der Nouvelle Vague, die einmal ähnliches erzählt hatte. In Venedig präsentierte sie "Les plages d'Agnès", eine filmische Autobiographie: Wunderbar subjektiv reiste man mit Varda durch ein leidenschaftliches, selbstbewusstes Leben und 55 Jahre Filmgeschichte - es gab minutenlange stehende Ovationen am Lido für diese Überlebende aus der größten Zeit des europäischen Kinos.

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