Ausgefragt

BND schließt nach ARD-Bericht Hauptstelle für Befragungswesen

Die Befragung von Flüchtlingen durch den Bundesnachrichtendienst hat eine lange Tradition. Bereits die BND-Vorläuferin, die Organisation Gehlen, gewann seit 1945 durch systematische Befragung von ehemaligen Kriegsgefangenen und insbesondere sogenannten Spätheimkehrern allerhand Informationen über den Osten. So wurden im Rahmen der „Aktion Hermes“ 3,1 Millionen Menschen über ihre Erlebnisse und Beobachtungen befragt, die etwa zur Zwangsarbeit quer durch die gesamte Sowjetunion verschickt worden waren. Diese strategische Aufklärung durch Immigranten erwies sich als einer der ertragreichsten Quellen des deutschen Auslandsgeheimdienstes, der auf diese Weise lange darüber hatte hinwegtäuschen können, dass er kaum zuverlässige Agenten im Osten hatte.

Historiker bewerteten die Aktion als das "humanste Spionageunternehmen der Nachkriegsgeschichte". "Hermes" brachte sogar Feuer: Ein als Andenken mitgebrachter Stein erwies sich als radioaktiv und indizierte Bodenschätze für spaltbares Material in der Sowjetunion. Die eigentliche Befragung wurde teilweise von Partnerorganisationen durchgeführt, etwa in Westberlin von der streitbaren "Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit" (KgU). Bereits damals war anrüchig, dass die Befrager Empfehlungen für die Anerkennung der Flüchtlinge abgeben konnten.

Der BND unterhielt auch in den weiteren Jahrzehnten das Befragungswesen aufrecht und richtete in den diversen Flüchtlingslagern Büros ein, die seit 1958 als „Hauptstelle für Befragungswesen“ firmieren. Nach Art des Hauses gab sich der BND gegenüber den Flüchtlingen nicht als Geheimdienst zu erkennen, manche jedoch durchschauten die Situation und hofften, sich durch wohlfeile Märchen aus Tausend und einer Nacht interessant zu machen. Einer dieser Märchenerzähler, ein irakischer Ingenieur, lieferte eine Räuberpistole von rollenden Labors im Irak, die der BND zwar nicht glaubte, aber – wie offenbar alles - pflichtgemäß an die CIA weitergab. Die glaubte das zwar auch nicht, doch im Weißen Haus hatte man für Inspirationen zu Kriegslügen Verwendung und meldete ohne eigene Ermittlungen dem Pentagon „harte Beweise“. Der vom BND systematisch aufgelesene Flachs des Märchenerzählers legitimierte gegenüber der US-Öffentlichkeit einen Krieg.

Nachdem am Donnerstag die am Berliner Hohenzollerndamm eingerichtete Zentrale der "Hauptstelle für Befragungswesen" in einer Panorama-Sendung zum Geheimen Krieg unfreiwillig das Licht der Öffentlichkeit erblickte, hingen die Geheimen bereits am darauf folgenden Freitag den Schlapphut an den Nagel. Damit, dass der BND auf die Befragung von Flüchtlingen ganz verzichten würde, ist jedoch nicht zu rechnen.

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