Aushebelung der Willensfreiheit

Ein Wissenschaftsthriller entwickelt ein plausibles Szenario für den fremdgesteuerten Willen

Das Strafrecht setzt normalerweise voraus, dass die Menschen einen freien Willen besitzen, also die Möglichkeiten besitzen, sich für oder zumindest gegen etwas zu entscheiden, weswegen sie auch für die Folgen ihrer Handlungen zur Verantwortung gezogen werden können. Das ist zwar schon ein altes religiöses, philosophisches und wissenschaftliches Thema, das aber hierzulande wieder größere Wellen geschlagen hat, nachdem einige Hirnforscher aufgrund neuer Erkenntnisse mit bildgebenden Verfahren behauptet hatten, dass Willensfreiheit eine Illusion sei.

Hirnforscher Wolf Singer erklärte in diesem Sinne die neurobiologische Sichtweise, die "der trivialen Erkenntnis Rechnung (trüge), dass eine Person tat, was sie tat, weil sie im fraglichen Augenblick nicht anders konnte - denn sonst hätte sie anders gehandelt." Für die Beurteilung des Verhaltens habe dies erhebliche Folgen, was er so ausführt:

"Eine Person begeht eine Tat, offenbar bei klarem Bewußtsein, und wird für voll verantwortlich erklärt. Zufällig entdeckt man aber einen Tumor in Strukturen des Frontalhirns, die benötigt werden, um erlernte soziale Regeln abzurufen und für Entscheidungsprozesse verfügbar zu machen. Der Person würde Nachsicht zuteil. Der gleiche „Defekt” kann aber auch unsichtbare neuronale Ursachen haben. Genetische Dispositionen können Verschaltungen hervorgebracht haben, die das Speichern oder Abrufen sozialer Regeln erschweren, oder die sozialen Regeln wurden nicht rechtzeitig und tief genug eingeprägt, oder es wurden von der Norm abweichende Regeln erlernt, oder die Fähigkeit zur rationalen Abwägung wurde wegen fehlgeleiteter Prägung ungenügend ausdifferenziert. Diese Liste ließe sich nahezu beliebig verlängern. Keiner kann anders als er ist. "

Neuronale Prozesse gehen dem voraus, was Menschen dann bewusst zu entscheiden vermeinen, sagen die neuronalen Deterministen und fordern damit die Frage heraus, wie denn eine Gesellschaft mit Verbrechern umgehen soll – natürlich würde es auch das "Verdienst" betreffen, das die Erfolgreichen sich gerne als selbsterworben zuschreiben, was aber sicherlich die Gemüter nicht so bewegt.

Die Diskussion ist bereits Gegenstand von klugen Krimis oder Thriller geworden, die damit zeigen, dass in diesem Genre die aktuellen Fragen diskutiert werden. Auf einer eher philosophischen Ebene hat Jens Johler mit der "Kritik der mörderischen Vernunft" die in Deutschland von den Hirnforschern aufgebrachte Leugnung der Willensfreiheit thematisiert und in seinem spannenden und gleichzeitig intellektuell anregenden Buch versucht, die Wissenschaften mit den dahinter stehenden Interessen zu kritisieren.

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Ganz anders geht in seinem Wissenschaftsthriller Markus Schulte von Drach an das Thema heran. Der Biologe und Wissenschaftsjournalist entwickelt ein denkbares, wissenschaftlich mögliches Szenario einer Epidemie, um zu thematisieren, wie faktisch und jenseits der üblichen prinzipiellen philosophischen und neurowissenschaftlichen Überlegungen die Willensfreiheit von Menschen ausfallen könnte.

Ausgangspunkt ist eine seltsame Mordserie, die in Münchens Englischem Garten beginnt, und sich bald über Großbritannien und Hawaii auch in den USA fortsetzt. Was zunächst wie die Tat eines Serienmörders aussieht, wird aber von verschiedenen Personen begangen, die stets dieselbe Vorgehensweise zu haben scheinen. Da der Thriller so aufgebaut ist, dass sich nach und nach das Geheimnis trotz des Einsatzes der modernsten forensischen Verfahren und kriminalistischen Ansätze erst einmal verdichtet, bevor der "fremde Wille" aufgeklärt wird, sei hier nicht mehr verraten, damit die Spannung erhalten bleibt. Auch wenn manche Seitenlinien der Geschichte den Thriller etwas überfrachten, ist er eine durchweg interessante und spannende Lektüre zum Thema der Willensfreiheit, aber auch zum Selbstverständnis des Menschen.

Markus C. Schulte von Drach: Der fremde Wille. 512 Seiten. Kiepenheuer & Witsch, April 2009. 19,95 Euro.