Ausländer mit deutschem Pass haben Deutschland nicht verraten, sondern gerettet

Über einige Ursachen des deutschen Einzugs ins WM-Halbfinale

Es war auf matte Art schön. Schön sich einfach treiben zu lassen und darauf zu warten, was passieren, von wem und wann Deutschland gerettet werden würde. Dass es so schnell passieren würde, war genauso wenig zu erwarten gewesen wie die Höhe des Resultats.

"In solchen Spielen werden Helden geboren." - Günter Netzer

Das Land erschrak: Deutschland war wirklich weitergekommen, und hatte gegen Argentinien das Halbfinale erreicht. Alle Warnungen vor den "Wohlmeinenden im Lande", den Blinden, Naiven, vor den "Lobeshymnen über die Multikulti-Truppe" waren in den Wind geschlagen worden. Sogenannte Ausländer, "Menschen, die nach finsterem Blut- und Stammesrecht nicht dazugehörten, und deren temporal-spatiale Einbettung ins Land und dessen Traumorientierung sowieso stets von derjenigen des einheimischen Menschenschlags abgewichen war" (Dietmar Dath), also wirklich Ausländer mit deutschem Pass, hatten Deutschland nicht verraten, sondern gerettet.

Vielleicht ist Moral eben doch nicht alles. Denn nicht das Gute hat gesiegt: "Unsere guten Jungs" hatte die BILD-Zeitung noch vor dem England-Spiel vorgestellt: "Der Treue" (Thomas Müller), "Der Zivi" (Per Mertesacker), "Der Schwiegersohn" (Philipp Lahm), "Der Angler" (Miroslav Klose), "Der Wohltäter" (Mesut Özil). "Der Treue", "Der Zivi", "Der Schwiegersohn", "Der Angler" "Der Wohltäter" - wären sie wirklich so, man müsste gegen die neue Nationalmannschaft sein.

Multikulturelles Team führt Deutschland zum Erfolg

Gesiegt hat gegen Argentinien wie schon gegen England aber tatsächlich, das, was Deutschland nicht haben will und nicht sein will: Multikultur und Jugend. Mertesacker, Schweinsteiger, Friedrich, Lahm - aber dann eben Boateng: Selbst der deutscheste der deutschen Mannschaftsteile, die Defensive, steht nicht mehr allein für deutsche Tugenden. Dann ein orientalisches Mittelfeld - Khedira, Özil -, und der polnische Sturm aus dem Bankdrücker Klose und dem Zweitligafußballer Podolski.

Wie im Trance spielte das Team gegen England und Argentinien: Mit perfekter Raumzeitorientierung entfaltete sich die Zirkulationsbewegung des deutschen Mittelfelds Aus der erwarteten großen Anstrengung wurde eine Grenzüberschreitung in die Unbegreiflichkeit, die Scheißabwehr fiel nicht mehr ins Gewicht, weil das Team dem Zeitgeist entsprechend - "defense wins game, offense wins championship" - ihr Heil in der Offensive suchte. Ein Schöpfungsakt. Die Knospenform des deutschen Spiels mündete in stellenweises Fragmentzaubern, das die argentinische Einheit dekonstruierte.

Abschied von Stalingrad

Dabei liegt das Geheimnis für den Erfolg der deutschen Nationalmannschaft und für die auch internationale Begeisterung doch auf der Hand: Sie sind das beste Team, der Egoismus wurde reduziert, alte Zöpfe wurden abgeschnitten, sie spielen mehr, als sie kämpfen, und sie stellen Schönheit über Effizienz. Das Entscheidende bei Özil ist, dass hier endlich mal einer Fußball spielt und nicht Fußball bolzt, dass hier Eleganz anstelle von gesunder Härte, dass Genialität anstelle von "durchbeißen" tritt.

Die Ent-Stalingradisierung wird im deutschen Fußball vollzogen. Man sieht Kurzpassspiele, die in drei, vier Spielzügen den Gegner überrollen, wie es Barca nicht besser kann, man sieht Özil rechts, links, auf allen Seiten. Gerade das, dass es eben "ein Türke" ist, der das deutsche Spiel durch Entdeutschung schöner und erfolgreicher macht, fällt manchem Sesselfurzer nicht leicht anzuerkennen: Da wird dann weiter in den alten Bahnen gedacht. Wenn Schweinsteiger oder Lahm beim Verein und Werbepartnern rausholen, was rauszuholen ist, dann ist das ihr gutes Recht, Klugheit, schlimmstenfalls noch Cleverness, wenn Özil dagegen um einen besseren Vertrag pokert, ist es dann plötzlich aber die levantinische "Raffke-Mentalität" einer "Reizfigur".

Aber das Ende der alten Gleichungen ereignet sich gerade. Die gesellschaftliche Realität der Heterogenität der Kulturen und der Pluralität der Bedeutungen hat den Fußball erreicht. Und Fußball zeigt sich entgegen aller rührig-rührenden Lobeshymnen auf deutsche Tugenden und Nationalstolz, als Ort des Neuen, Unerwarteten, als Integrationsmotor allerhöchster Güte.

Was dem Nationalteam, by the way, alsbald ein echtes Luxusproblem einbringen wird: Wo soll eigentlich Ballack noch in dieser Mannschaft spielen? Wie wird man ihn integrieren? Özil, Khedira und Schweinsteiger dürfte der Ossis von gestern jedenfalls kaum ersetzen können. Auch das ist ein Zeichen der Zeit.