Auswanderungsland Deutschland

Einst verließen Millionen Deutsche als politisch Verfolgte und auf der Flucht vor Not und Elend das Land. Versiegt ist der Strom der Auswanderer bis heute nicht

Angesichts der vielen Flüchtlinge, die derzeit zu uns kommen, ist es vielleicht einmal an der Zeit, uns zu erinnern, dass Migration eine Grundkonstante menschlicher Geschichte ist. Wir müssen uns dafür gar nicht in römische Zeit und oft bemühten und meist fehl interpretierten Völkerwanderungen, die eher ein Mythos als ein reales historisches Ereignis sind, zurückdenken. Es reicht ein Blick in die deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts.

Über die mehr als zehn Millionen Menschen, die nach 1945 in der BRD und der DDR angesiedelt wurden, ist ja in letzter Zeit des öfteren berichtet worden – und ich kann jedem Leser nur raten, einmal in die eigene Familiengeschichte zu schauen, wo die meisten wahrscheinlich Erzählungen von der Not und Verzweiflung finden werden, die diese Menschen erfuhren.

Aber auch darum soll es hier nicht gehen, sondern um die weniger im öffentlichen Bewusstsein präsente Tatsache, wie sehr Deutschland und seine diversen Vorläuferstaaten in den vergangenen Jahrhunderten Auswanderungsländer waren und Deutschland es – nebenbei bemerkt – immer noch ist: Auch in diesem Jahr werden wieder irgendwas zwischen 700.000 und einer Million Menschen das Land verlassen, mancher davon mit einem deutschen Pass in der Tasche. (Netto sind in den letzten Jahren meist zwischen 20.000 und 30.000 Deutsche ausgewandert.)

Das ist allerdings kein Vergleich zu den Menschenmassen, die bis in die 1950er Jahre das Land verließen. Über fünf Millionen Deutsche sind zwischen 1820 und 1920 allein in die USA ausgewandert. In Brasilien haben etwa zehn Prozent aller Einwohner (unter anderem) deutsche Vorfahren. Noch heute sprechen in einigen ländlichen Gegenden Nachfahren hiesiger Auswanderer ein antiquiertes Niederdeutsch (Pomerano) oder einen ebenso altertümlichen hochdeutschen Dialekt (Hunsrück) und feiern absurder Weise eines der größten Oktoberfeste der Welt.

Auch Russland, Kanada, Argentinien und Australien waren zu unterschiedlichen Zeiten Ziel der Auswanderer. Und dann wäre da noch Frankreich, das – heute kaum noch bekannt – viele Deutsche anzog. Bis zum 1870 von Bismarck eingefädelten Überfall der deutschen Staaten auf den westlichen Nachbarn lebten zeitweise bis zu 80.000 Deutsche, meistens Handwerker, in Paris. Zeitweise sollen sie dort im 19. Jahrhundert fast zehn Prozent der Bevölkerung gestellt haben.

Die Gründe, für die Auswanderung waren im wesentlichen die gleichen, die auch heute Millionen Menschen in aller Welt dazu bringt, ihre Heimat, Familie und Freunde zu verlassen: Hungersnöte, bittere, ausweglose Armut, politische Verfolgung, insbesondere nach der gescheiterten Revolution von 1848, große Landverluste in Folge von Sturmfluten (im 17. Jahrhundert), religiöse Diskriminierung. Altlutheraner aus Preußen wollten sich zum Beispiel einer Kirchenreform entziehen.

Der Anteil der von 1867 bis 1884 in den Statistiken der schleswig-holsteinischen Regierung registrierten Übersee-Auswanderer im Vergleich zu der durchschnittlichen Einwohnerzahl der Kreise. Quelle: Pauseback, 1995 (Bild: Paul-Heinz Pauseback, “Übersee-Auswanderer aus Schleswig-Holstein … als hätten sie nie eine Heimat, nie eine Mutter gehabt!”, Husum und Bredstedt, 2000)

Eine sehr interessante Grafik zeigt, wie zum Beispiel Schleswig-Holsteiner nach der Eroberung ihres Landes durch Preußen und seine Verbündeten (1864/1866) in Scharen das Land in Richtung Amerika verlassen haben. In nur siebzehn Jahren wanderte aus dem Kreis Tondern - heute der Norden Nordfrieslands und die Gemeinden um Tønder in Dänemark - mehr als ein Zehntel der Bevölkerung aus. Etwas weiter südlich, im nördlichen Dithmarschen, waren es sogar noch mehr. Nur in den aufstrebenden Industriestädten wie Kiel und Flensburg und rund um Hamburg fiel die Auswanderung nicht ins Gewicht. Mag sein, dass sie dort auch durch die einsetzende Binnenwanderung statistisch kaschiert wurde.

Jedenfalls sagt die Auswanderungswelle einiges über die mangelnde Begeisterung der Bevölkerung über das Entstehen dieses neuen, von Berlin regierten Landes aus. Die Ausmaße der Auswanderung sollten außerdem in der aktuellen Situation zu denken geben. Im Vergleich zu den heute bei uns ankommenden Flüchtlingen waren seinerzeit deutlich mehr Menschen auf dem Weg. Von Hamburg sind zum Beispiel allein im Jahre 1913 fast 200.000 Menschen nach Amerika aufgebrochen. 44 Prozent davon Bürger des deutschen Reiches.

Aus hiesiger Provinz besteht seit jeher ein reger Verkehr mit dem überseeischen Ausland. Man findet hier kaum eine ältere Familie, aus welcher nicht wenigstens ein Angehöriger ausgewandert wäre. Hauptsächlich geht auch hier der Zug der Auswanderer nach Amerika.
Aus einem Bericht des Oberpräsidenten der Provinz Schleswig-Holstein 1882
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