Autoverkehr schafft soziale Ungerechtigkeit

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Die extreme Bevorzugung des Autos durch die Verkehrspolitik grenzt insbesondere auf dem Land viele Menschen aus. Ein Kommentar

Einst war das Auto unangefochtenes Symbol für Fortschritt und Wohlstand und zugleich vor allem für viele Männer eines der wichtigsten Statussymbole. Doch diese ideologische Vormachtstellung des Automobils bröckelt. Jüngere Generationen haben zu ihm inzwischen meist ein eher pragmatisches Verhältnis. Außerdem haben sich seine vielen Nachteile für das Stadtleben, die Gesundheit in den Städten und nicht zuletzt für das Klima inzwischen herum gesprochen.

Der Ruf nach Alternativen wird laut, und bei genauerem Hinschauen fällt auf, dass diese auch aus sozialen Gründen eigentlich seit langem überfällig sind. Denn der motorisierte Individualverkehr hat von jeher eine Schieflage. Er schließt nämlich Kinder, Jugendliche, Alte und Geringverdiener aus. Es gibt viele Menschen, die sich entweder ein Auto nicht leisten oder aus Alters- bzw. Gesundheitsgründen keines fahren können.

Diese sind auf Bus und Bahn angewiesen, doch deren Leistungen sind besonders auf dem Land extrem schlecht. Viele Autofahrer argumentieren hingegen mit dem schlechten ÖPNV, tragen aber zugleich durch ihr Verhalten dazu bei, dass die Nachfrage gering und daher das Angebot schlecht bleibt.

Die Katze beißt sich offensichtlich in den Schwanz. Der Einzelne kann mit seinem Verhalten dieses Dilemma kaum auflösen, aber er kann als politisch bewusster Bürger tätig werden, statt nur auf seinen Eigennutz zu schauen. Aufgabe einer Politik, die an den Interessen aller und nicht nur der Stärksten orientiert ist, wäre es, diesen Teufelskreis aufzubrechen.

Das ist auch eine Frage sozialer Gerechtigkeit: Wir haben kürzlich hier auf Telepolis darauf hingewiesen, dass es in Berlin, Deutschlands Großstadt mit der geringsten Pkw-Dichte, ein besonders deutlichen Zusammenhang zwischen der Zahl der Autos in einem Haushalt und dem Nettoeinkommen gibt. Erst die Haushalte mit einem Nettoeinkommen ab 3000 Euro im Monat verfügen mehrheitlich über einen eigenen Pkw.

Wie die zitierten Tabellen für die Flächenländer zeigen, ist dort der Druck, ein Auto zu nutzen, offensichtlich größer. Hier haben die Menschen schon bei niedrigerem Einkommen meist einen eigenen Pkw. Aber auch hier gibt es viele, die ausgeschlossen sind, die vielleicht ein Auto benötigten, sich aber keines leisten können.

Das ist zumindest aus der Tatsache zu schließen, dass auch in den Flächenländern die Mehrheit der Haushalte mit einem gemeinsamen Nettoeinkommen von 500 bis unter 900 Euro über keinen eigenen Pkw verfügt. In Schleswig-Holstein sind es 63 Prozent, in Hessen 73 Prozent, in Bayern 66 Prozent und in Sachsen 69 Prozent.

Diese Menschen werden, wenn im ländlichen Raum das ganze Verkehrssystem und alle Investitionen auf das Auto ausgerichtet bleiben, ausgegrenzt, und zwar umso mehr als überall die kleinen Dorfläden, Apotheken, Arztpraxen und selbst Krankenhäuser schließen und die ganze Versorgung autogerecht zentralisiert wird.