Beschneidungsurteil erregt weiter die Gemüter

Der Bund der Konfessionslosen freut sich und Marina Weisband schlägt eine Zwei-Stufen-Lösung vor

Am 26. Juni entschied das Landgericht Köln, dass sich Ärzte, die kleinen Jungs ohne medizinische Notwendigkeit die Vorhaut entfernen, strafbar machen. Das Urteil nimmt der Berufsgruppe die Möglichkeit, sich auf einen Verbotsirrtum zu berufen und stieß bei deutschen Funktionären der abrahamitischen Religionsgemeinschaften auf Kritik. Juden sehen eine Beschneidung von Jungen acht Tage nach der Geburt als religiöse Pflicht und als Zeichen für den Bund an, den Gott mit Abraham schloss. Bei Moslems ist sie Gewohnheit, obwohl sie nicht im Koran steht. Und Christen verehrten bis in die Neuzeit hinein die Vorhaut Jesu als Reliquie.

Nach den Protesten der Religionsvertreter meldet sich nun der Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA) zu Wort, der das Kölner Urteil begrüßt und meint, es sei "Zeit geworden, dass die Beschneidung als das gesehen wird, was sie ist: ein strafbarer Eingriff in die körperliche Unversehrtheit von wehrlosen und ihren Eltern ausgelieferten Jungen". Der Verweis auf die Religionsfreiheit greift dem IBKA-Sprecher zufolge deshalb nicht, weil Grundrechte seinem Empfinden nach "immer dem Schutz des Individuums vor einer Gruppe" dienen. Und das Selbstverwaltungsrecht der Religionen "innerhalb der Grenzen der für alle geltenden Gesetze" aus Artikel 140 des Grundgesetzes sei kein "Selbstbestimmungsrecht der Religionsgemeinschaften", mit dem Aiman Mazyek, der Vorsitzenden des Zentralrates der Muslime in Deutschland argumentiert hatte.

Ponitkas Ansicht nach sollten Kinder beim Erreichen der Religionsmündigkeit selbst darüber entscheiden, ob sie sich beschneiden lassen wollen oder nicht. Allerdings verläuft eine Beschneidung in diesem Alter (auch aufgrund von Erektionen) in der Regel schmerzhafter und der Heilungsprozess dauert deutlich länger. Marina Weisband, die ehemalige politische Geschäftsführerin der Piratenpartei warnt in ihrem Blog zudem davor, dass sich religiöse Bräuche nicht einfach per Urteil aus der Welt schaffen lassen und Hinterzimmerbeschneidungen durch "zweifelhafte Profis mit zweifelhaften Werkzeugen" eine ungewollte Folge des Verbots sein könnten. Die praktizierende Jüdin schlägt vor, über eine erst nur symbolische Beschneidung kleiner Kinder nachzudenken, die dann mit 14 als tatsächliche Vorhautentfernung vervollständigt werden kann, wenn ein Junge das will.

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