Beziehungen kommen zunehmend übers Internet zustande

Nach einer Studie von US-Soziologen sinkt die Bedeutung von Nachbarschaft, Familie, Freunden und Arbeitsplatz als Orte, an denen sich Menschen verlieben

Als das Internet noch jung war und sich dort vor allem Akademiker und Nerds tummelten, wurde gerne das Bild von den Internetnutzern geprägt, dass sie völlig in die virtuelle Welt abdriften und einsam sowie kontaktunfähig vor sich hin leben.

Mittlerweile ist das Internet oder vielmehr das Web zu einem Massenmedium geworden, das ein Großteil der Bevölkerung nutzt, während nur eine Minderheit, vor allem die älteren Menschen, außen vor bleibt. Dementsprechend hat sich auch das Bild der Internetnutzer geändert. Nach einer Studie der Soziologen Michael Rosenfeld von der Stanford University und Reuben J. Thomas vom City College of New York sollen es nämlich jetzt die Internetverächter oder –verweigerer sein, die einsam sind und keine Beziehung haben. Die Studie basiert auf eine Umfrage von 4.000 Erwachsenen, 3.000 hatten eine Beziehung, davon waren 700 homosexuell.

Mehr als 82 Prozent der Menschen mit einer Internetverbindung Zuhause hätten auch eine Beziehung, dagegen nur 62,8 Prozent der Menschen ohne Internetverbindung. Nun könnte man ja einwenden, dass die meisten Menschen ohne Internetverbindung vermutlich alte Menschen sind, deren Beziehungspartner vielleicht schon verstorben ist, die Soziologen führen dies aber darauf zurück, dass heute mehr und mehr Beziehungen im wirklichen Leben über das Internet zustande kommen.

Man trifft sich zuerst online, vor allem über Dating-Websites, nicht mehr primär in der Arbeit, in der Familie, durch Freunde oder im Viertel bzw. in der Nachbarschaft. Und weil das Offliner nicht können, bleiben sie auch eher alleine, besonders wenn sie als Schwule oder Menschen im mittleren Alter - auf einen "kleinen Markt" angewiesen sind. Dreiviertel der Partner, die sich online begegnet sind, hatten zuvor keinen Kontakt.

Das war früher anders. Noch Mitte des 20. Jahrhunderts wurde meist innerhalb geringer Entfernungen geheiratet und hatten die Eltern, beispielsweise durch die Entscheidung über den Schulbesuch, enormen Einfluss auf die Partnerwahl, aber, so monieren die Soziologen, es gibt kaum Daten über Beziehungen und Lebensraum. Die geografisch Mobileren waren wohl aber eher bereit, die engen Grenzen zu überwinden und einen Partner zu finden, der nicht derselben Region, Ethnie, Religion oder sozialen Schicht angehört. Das Internet verstärkt nach Ansicht der Soziologen diese Vermischung und Befreiung aus den familiären Orientierungen. Und das Internet gewinnt als Beziehungsmarkt an Bedeutung: "The Internet is the one social arena that is unambiguously gaining in importance over time as a place couples meet." Freunde sind noch immer am wichtigsten, aber dann kommt schon das Internet als Vermittlungsmedium für Partnerschaften.

Jetzt würden sich schon ein Fünftel der heterosexuellen und mehr als 60 Prozent der homosexuellen Partner über das Internet gefunden haben. Das biete auch einige Vorteile. Der Partnermarkt ist nicht nur unbegrenzt, man kann auch leichter nach bestimmten Kriterien suchen. Für partnersuchende Singels im Alter von 30-40 Jahren sei der Markt dünn, weil die Meisten schon vergeben sind. Daher finden sich nicht die Jüngeren online, sondern vor allem diese Altersschicht und die Schwulen, Lesben oder Bisexuellen. Das Internet, so die These der Soziologen, wird alle anderen Möglichkeiten, in Kontakt mit anderen zu treten, ersetzen: "As a result of the rise of the Internet, Americans are less and less likely to rely on family, coworkers, neighbors, school mates, or even friends to introduce them to potential partners."

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