Bill Gates enteignen?

Angriff der Neo-Leninisten: "Marx reloaded", der Film über Alternativen zum Kapitalismus

"We are in Deep Shit" sagt Slavoj Zizek, nicht zum ersten und wohl kaum zum letzten Mal, und das gilt gewissermaßen nicht nur für den Kapitalismus, sondern auch für den deutsch-französischen Kulturkanal arte, der bekanntlich schon länger kein Kulturkanalmehr sein will, sondern Vollprogramm - zumindest, wenn man seinen Programmdirektor Christoph Hauser folgt. Vielleicht ist der zwar schon bald nicht mehr verantwortlich, hat sich Hauser schließlich doch als zukünftiger SR-Intendant beworben.

Ausgerechnet wenige Tage vor der nächsten Programmkonferenz am kommenden Donnerstag, bei dem arte massive Etat-Kürzungen und die Halbierung seines Geschichtsprogramms verkünden wird, zeigt der Sender nun "Marx reloaded", einen Film über die Aktualität von Marx' Denken, das Comeback von Karl Marx Kapitalismuskritik (siehe dazu auch Matrix statt Marx) und Alternativen zum Kapitalismus - der vielleicht auch arte beflügeln könnte.

Ausschnitt aus dem Trailer

Große Fragen

Der Ausgangspunkt des Films ist erwartbar: Die Finanzkrise von 2008, der unterregulierte Bankensektor, die Milliarden staatlicher Hilfe zur Erhaltung des Systems. Ist das kapitalistische Wirtschaftssystem selbst der Fehler? Zerstört der Kapitalismus sich selbst und den Reichtum des Planeten gleich mit? Haben wir in einem Traum gelebt? Wird die vertraute kapitalistische Welt jetzt als ideologische Illusion enttarnt und möglicherweise von einem Kommunismus ersetzt, der als erledigt galt? Das sind große Fragen, auf die kein 52-minütiger Dokumentarfilm ernsthafte Antworten geben kann. Aber ein paar Denkanstöße finden sich schon.

Der Film präsentiert in flottem Schnitt und mit Splitscreen Kurzstatements führender europäischer Intellektueller zur Aktualität von Marx' Gedanken und zur Deutung der gegenwärtigen Verhältnisse. In einem ersten Teil stellt der Film zwei Grundgedanken von Marx vor: Zum einen den Konflikt von Kapital und Arbeit, die Analyse der Ausbeutung und die Theorie des Klassenkampf; zum anderen die Theorie des Warenfetischismus.

Die Rolle des Wissens

Dass es nach wie vor viel Ausbeutung gebe, darüber sind sich fast alle im Film einig. Aber was ist ihr Charakter, welche Ausbeutung ist wichtig? Die meisten im Film vorgestellten Neomarxisten, die ihre gemäßigteren innerlinken Gegner, wie Micha Brumlik oder Jacques Rancière im Film dann gern als Neoleninisten bezeichnen, argumentieren, "dass die klassische Logik der Ausbeutung nicht mehr funktioniert" (Slavoj Zizek). Das Wissen sei zu einem zentralen Faktor der Wohlstandserzeugung geworden.

"Bill Gates besitzt, was Marx unseren 'general intellect' nennt, unsere symbolische Substanz, Kommunikationsmittel. Um miteinander kommunizieren zu können, müssen wir Bill Gates eine Abgabe zahlen."

Ausbeutung, so Antonio Negri, sei heute Ausbeutung von Arbeitern in der gesamten Arbeitswelt: "Heutzutage produzieren Gehirne - Erfindungen, Forschung, Kino - mehr Wert, als die gesamten Fabriken." Wissen und Information seien Gemeingut aller Menschen, sekundiert Michael Hardt:

"Ich glaube, dass sich der Schwerpunkt der kapitalistischen Wirtschaft zunehmend auf die Produktion immaterieller, nicht messbarer Güter verlagert hat. Der Schwerpunkt liegt auf der Produktion von Ideen, sozialer Beziehungen durch Dienstleistungen."

Ausschnitt aus dem Trailer

Durchaus nachvollziehbar erinnert Herfried Münkler, Politikwissenschaftler an der Berliner Humboldt-Universität, daran, dass sich im Weltmaßstab die Verhältnisse keineswegs seit Marx so stark geändert haben. Das Proletariat von heute lebt nur einfach in der Dritten Welt:

"Von daher finde ich es obszön, Ausbeutung vor allem hier festzumachen, und nicht den Blick zu werfen auf Produktionsstätten, wo Menschen ... unter miserablen Arbeitsbedingungen für minimale Löhne arbeiten müssen."

Indirekt folgt aus diesem Satz auch, dass die gesamte Welt des Westens als ein einziges großes Ancien Regime zu verstehen ist, die ihre Zeit längst hinter sich hat.

Jacques Rancière argumentiert aber ergänzend wie skeptisch, dass Ausbeutung keine explosiven Konsequenzen habe. "In der Logik der Ausbeutung liegt keine Logik des Endes der Ausbeutung." Wie auch Alberto Toscano: "Immaterielle Arbeit wird keine emanzipatorische Politik begründen."

Warenfetisch

"Das Geheimnisvolle der Warenform besteht also einfach darin, daß sie den Menschen die gesellschaftlichen Charaktere ihrer eignen Arbeit als gegenständliche Charaktere der Arbeitsprodukte selbst, als gesellschaftliche Natureigenschaften dieser Dinge zurückspiegelt ... Dies nenne ich den Fetischismus, der den Arbeitsprodukten anklebt, sobald sie als Waren produziert werden, und der daher von der Warenproduktion unzertrennlich ist." Karl Marx: Der Fetischcharakter der Ware und sein Geheimnis

Marx' Theorie des Warenfetisch hält Nobert Bolz "für die wichtigste Entdeckung von Marx ... weil sie ein Geheimnis enthüllt, das bis heute verständlich macht, warum der Kapitalismus funktioniert: Waren enthalten spirituellen Mehrwert, und der ist der eigentliche Grund des Kaufs."

Eamonn Butler vom britischen konservativen Think-Tank "Adam Smith - Institute" funkgiert im Film als Repräsentant neoliberaler Ideologie. Er macht zuviel Regulierung und das Regierungsmonopol auf das Geld für die Finanzkrise verantwortlich: "Leider verfügt die Regierung über ein Geldmonopol. Sie schweift aus, überinflationiert die Währung, hält die Zinsen künstlich niedrig, wie es der Markt nicht tun würde." Die Leute nähmen Kredite auf - künstlich billiges Geld - und fühlten sich dann noch reicher. "Das ist wie mit Drogen." Zum Warenfetischismus hat er nur überraschend Banales zu sagen: "Wir sind einfach so. Das ist ein Problem menschlicher Psychologie, kein wirtschaftliches. Das ist die menschliche Natur. In dieser Hinsicht ist die Wirtschaft moralisch neutral. Sie produziert einfach das, was wir wollen."

Ausschnitt aus dem Trailer

Was folgt aus alldem?

Was hat nun Marx heute zu sagen? Was folgt aus alldem? Zum einen vielleicht die schlichte Konsequenz, dass man spätestens in einer zukünftigen Weltgesellschaft Bill Gates enteignen sollte. Davon abgesehen zwei interessante Aktualisierungen: Der Warenfetischismusbegriff führt zur Erkenntnis, dass auch unsere Identität warenförmig geworden ist. Die modernen Medien kolonisieren unsere kollektiven Phantasien. Zum schaffen sie sie und mobilisieren sie. Warenform und Konsum als Lebensstil stecken in allem, was wir tun. Die Menschen der Gegenwart sehen die Welt durch die Brille der Waren. Jede soziale Begegnung wird zum potentiellen Verkaufsgeschäft. Wobei wir nie nur materiellen Besitz, sondern immer auch uns selbst verkaufen.

Zum zweiten bekommt der Begriff der Ausbeutung da eine neue Komponente, wo wir ihn auf die Natur anwenden: Denn in Bezug auf die Natur sind wir (fast) alle Kommunisten. Sie sei selbstverständlich Gemeineigentum, es dürfe keine Patente auf Gene, auf Parks und Strände geben, und auch der Eigentümer eines Kernkraft- oder Kohlekraftwerks oder Müllhalde darf nicht alles tun, wozu er Lust hat. Diesen Grundgedanken müsste man erweitern, und insbesondere auf Wissen, Information und Bildung anwenden - schon hat man einen aktualisierten Marx.

Eine dritte, mehr Pointe als Konsequenz: De Kultursender arte wird endlich einmal seiner Aufgabe gerecht, ein Erzieher der Massen und Diener des Volkes zu sein. Vielleicht wird er das, wenn Hauser erstmal weg ist, wofür im Hause arte gerade alle beten, ja wieder öfter.

"Marx Reloaded" Ein Film von Jason Barker, Co-Regie Alexandra Weltz.
Auf arte bis Ende der Woche online verfügbar
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