"Bizarre Sprachkultur" an den Universitäten

In der Schweiz wird Kritik am trockenen, umständlichen Wissenschaftsjargon laut

Auch in der Schweiz gibt es Kritik an der Sprachkultur der Universitäten. Allerdings mit etwas anderen Vorzeichen. Sie zielt vorwiegend auf die Professoren, die einen überflüssig schwerfälligen Sprachgebrauch fördern. Während sich in Deutschland Philologen über die Defizite der Studenten beklagen ( Studierende mit alarmierenden Lese- und Schreibschwächen), was zu Diskussionen darüber führt, ob Studenten durch kulturelle Verschiebungen von der Buch- zur digitalen Kultur Mühe mit komplexeren, schwierigen, Aufmerksamkeitsausdauer fordernden Texten haben, rückt ein Beitrag in der Neuen Zürcher Zeitung ein anderes Problem in den Vordergrund: das sprachliche Versagen der Universitätslehrer.

Dabei geht es um den Vorwurf, dass von akademischen Texten aus einem falsch verstandenen, weil prätentiösen, wissenschaftlichem Anspruch heraus unnötigerweise verlangt wird, sie möglichst kompliziert zu verfassen:

"An Unis ist eine bizarre Kultur verbreitet: Akademische Texte werden oft bemängelt, wenn sie komplizierte Sachverhalte einfach erklären. Vor allem in Dissertationen und Habilitationsschriften gibt es einen Zwang zur Kompliziertheit. Akademisch belohnt wird, wer monströse Formulierungen und viel Fachjargon verwendet. Welche Blüten dieses System treibt, erlebte eine Anthropologie-Studentin unlängst an der Universität Freiburg. Die Frau, die nebenher als Journalistin arbeitete, wurde vom Professor dafür kritisiert, dass sie in Seminararbeiten zu kurze Sätze formuliere."

Der Appell des Autors Markus Häfliger wendet als Kontrast zur akademisch-kargen und reizlosen Sprachlandschaft der Schweizer Universitäten, in deren Folge Sachbücher schweizerischer Wissenschaftler "in Bibliotheken verstauben", den Blick auf die lebendigere, mehr auf den Leser oder Zuhörer bedachte, rhetorische Schulung an amerikanischen Hochschulen.

"Schon College-Studenten üben sich in sogenannten Elevator Speeches. Dabei erhält der Student für ein Kurzreferat so lange Zeit, wie eine Fahrt im Aufzug dauert. Das muss genügen, um dem Publikum seinen Gedanken zu präsentieren. Wo in der Schweiz werden solche Fähigkeiten trainiert? Die Auswirkungen dieses unterschiedlichen Verhältnisses zur Sprache lassen sich an jedem Kiosk erkennen. Sachbücher amerikanischer Wissenschafter werden zu Bestsellern (...). Die Reden amerikanischer Politiker landen auf Youtube, die Reden hiesiger Politiker enden im 'Amtlichen Bulletin'."

Auf eine Stufe zu stellen ist die Kritik an der Sprachkultur der deutschen Studenten und an den Schweizer Universitäten nicht. Es geht um unterschiedliche Sprachkompetenzen. Im ersten Fall um elementare, weil die Beherrschung der Grundlagen bemängelt wird, bei der Schweizer Sprachkritik geht es um den Stil der Vermittlung des Geschriebenen oder Gesagten. Die eine Ebene hängt aber natürlich mit der anderen zusammen. Die Vorwürfe treffen sich in einem Punkt, dem der Spracherziehung und -ausbildung. Da gibt es offensichtlich größere vernachlässigte Flecken, Dünkel und eine Unbeweglichkeit bei den Lehrplänen.