Blu Moon

Zwei neue Blu-ray-Discs über die Mondlandungen seit 1969

Der Science-Fiction-Film scheint das prädestinierte Genre für das hochauflösende Blu-ray-Format zu sein. Die Fülle an bereits erhältlichen Filmen zeigt, dass gerade die Ausgestaltung zeitlich oder räumlich weiter entfernter Welten durch die hohe Bildauflösung und die erweiterten Ton-Techniken eine ganz neue Plastizität bekommt. Im Medienformat und seinem Inhalt treffen sich förmlich die zwei Vorstellungen von "Zukunft".

Im Schatten des Mondes

Dass diese utopischen Visionen aber auch ganz reale Hintergründe haben, zeigt sich 2009 einmal mehr und besonders deutlich, weil sich die erste Landung auf dem Mond zum 40. mal jährt (siehe Lunarer Moonwalk). Denn die Mission Apollo 11 war vor allem deshalb so prägend für fantastisch-utopische Entwürfe, weil sie durch eine bis dahin ungekannte mediale Vervielfältigung multipliziert wurde. 1969 hat sich die Science Fiction seit der Mondfahrer-Literatur Jules Vernes' und des Space-Movies seit Meliés "Voyage dans la lune" konkretisiert und dem Genre zu neuen Bildern verholfen. Damals waren diese Bilder das technische State-of-the-Art. Diesem Anspruch streben jetzt zwei Blu-ray-Disc-Veröffentlichungen zum Jubiläum auf je ganz eigene Art nach.

Zurück zum Mond

David Singletons bereits 2007 produzierter Dokumentarfilm "Im Schatten des Mondes" erzählt zwar nicht hauptsächlich von der ersten, sondern von allem bemannten Mond-Missionen; die Reise der Astronauten Armstrong, Aldrin und Collins steht jedoch im Zentrum des Films. In einer keiner Dramaturgie verpflichteten, sondern eher an thematischen Schwerpunkten orientierten Narration kommen viele der noch lebenden Astronauten, Techniker und Planer der Mondmissionen zu Wort, berichten von ihren Erinnerungen und bewerten im Nachhinein die persönlichen und kulturellen Auswirkungen ihrer Reisen. Die Interviewsequenzen, die vor neutralem, schwarzem Hintergrund geführt wurden, werden dabei von NASA-Archivmaterial, TV-Aufzeichnungen und Darstellungen aus anderen zeitgenössischen Medien abgewechselt.

Moonshot

Einen inhaltlich wie formal ganz anderen Weg geht Richard Dales in diesem Jahr veröffentlichter Film "Moonshot": Hier wurden die Ereignisse der ersten Mondlandung im Nachhinein dramatisiert und von Schauspielern nachgespielt. "Moonshot" verfährt dabei ganz bewusst ästhetisierend, nutzt die verschiedenen authentischen Vorkommnisse, um Spannungsbögen zu generieren und ergänzt aus dem Medienarchiv bekannte Fakten, um Annahmen über Ereignisse, die nicht dokumentiert sind und Blicke in die Gedankenwelten der Figuren. Auf diese Weise erzählt er die Geschichte so, wie man es von einem Spielfilm erwartet und erreicht damit auch den gewünschten Effekt: Man erlebt die vier Dekaden zurückliegenden Ereignisse noch einmal hautnah mit, anstatt sie nur nachzuvollziehen.

Erleben und Berichten

Nun kann man sich die Frage stellen, welche der filmischen Annäherungen an das historische Ereignis die angemessenere ist, in welchem Format die Mondlandung sozusagen ihre größte mediale Wirkung nach-entfalten kann. Die Antwort fällt natürlich unentschieden aus. Zum Einen leitet sich dies ganz aus dem Anspruch, den der jeweilige Betrachter hat, her: Will er sich über die historischen Fakten informieren oder will er das Ereignis nachträglich noch einmal "erleben".

Wo die dramaturgischen Ästhetiken des Spielfilms "Moonshot" zweiteres leisten, stellt "Im Schatten des Mondes" ersteres in den Vordergrund. Zum Anderen muss man sich vor Augen halten, dass ein historisch weiter zurückliegendes, aber medial stark verarbeitetes Ereignis wie die Mondlandung ständigen Re-Interpretationen unterworfen ist. Ein Film wie "Moonshot" kann mittels der Genreästhetik des Dokumentarfilms zwar behaupten, über das, "was wirklich passiert" ist, zu berichten; das Ziel objektive Erkenntnis zu vermitteln muss er jedoch genauso verfehlen wie jede mediale Darstellung. Das zeigt sich besonders deutlich an den von den Interviewpartnern verschieden berichteten Ereignissen, die sich zu der dokumentarischen Ästhetik querstellen.

Dass der Film diese Ereignisse achronologisch erzählt und zudem mehrere Mondmissionen thematisch gruppiert, offenbart den konstruierten Charakter darüber hinaus. Nun gibt "Im Schatten des Mondes" zwar nicht explizit vor, die einzige Wahrheit zu berichten - seine Ästhetik legt Objektivität jedoch nahe. Eine fiktionalisierende Aufbereitung des Themas, wie in "Moonshot", ist so gesehen ehrlicher, zumal der Film bereits in seinem Prolog offenlegt, dass sich das Folgende nur "weitgehend" an den Fakten orientiert und auch Elemente enthält, "die sich so zugetragen haben könnten". Wo also hier die Ästhetik auf das Miterleben konzentriert ist und sich damit scheinbar in den Widerspruch zum nüchternen Bericht stellt, bleibt sie bei "Im Schatten des Mondes" subtil.

Im Schatten des Mondes
Hochauflösende Bildstörungen

Dieses Verhältnis verkehrt sich allerdings auf der optischen Ebene, vor allem in Hinblick auf die eingangs aufgeworfene Frage der Bildauflösung. "Moonshot" hat als Spielfilm die Möglichkeit, das Geschehen vollständig in High Definition zu präsentieren, weil er nicht auf Archivmaterial zurückgreifen muss. Nun ist dem Zuschauer aus seiner Mediensozialisation allerdings bekannt, dass es "authentische Bilder vom Mond" nur in schlechter Qualität gibt - die schlechte Qualität ist gar selbst zu einem Authentizitätskriterium geworden.

Scharfe Bilder vom Mond bewirken also genau das Gegenteil, was ihr Naturalismus zunächst suggeriert. Das wissen die Macher des Films und platzieren deshalb künstlich verschlechterte Bilder an solchen Stellen in ihrem Film, an denen sie die Authentizität des Dargestellten betonen wollen. Gerade vor dem Hintergrund der Auflösungsfrage wirkt solch ein Verfahren regelrecht subversiv: Die Bildsprache des Spielfilms "Moonshot" verhält sich so zwar vordergründig gattungsspezifisch; hintergründig offenbart sie jedoch das Projekt Hollywoods, Geschichte medial immer wieder neu zu erfinden.

"Im Schatten des Mondes" ist diesbezüglich ehrlicher, denn sein Found Footage ist (im Wortsinne) "wirklich schlecht". Er nutzt die Bildsprache der Hochauflösung vielmehr metaphorisch, wenn er seinen mittlerweile in die Jahre gekommenen Berichterstattern optisch immer näher kommt und sich die Krater und Täler der Mondlandschaft in den Gesichtszügen der greisen Raumfahrer verdoppeln. Die lange Zeit, die seit den Tagen der Apollo 11 vergangen ist, findet erst so durch die Hochauflösung ihren optischen Nachvollzug. "Im Schatten des Mondes" dokumentiert damit den zeitlichen Abstand zum Ereignis, montiert dies zwischen die medialen Fundstücke und relativiert sie damit: Es sind Erinnerungen, die lange Zeit zurückliegen, die mit dem Archivmaterial illustriert werden; Erinnerungen, die einem steten Wandel unterzogen sind, der sich in der Mimik der Erinnernden ausdrückt.

Dass beide Filme etwa zeitgleich von Polyband auf Blu-ray-Disc veröffentlicht werden und damit schon beinahe zwangsweise zueinander ins Verhältnis gesetzt werden, kann man nur als gleichermaßen ehrliche und ausgeklügelte Strategie des Labels sehen.

"Moonshot"

Es ist durchaus sinnvoll, sich beide Filme anzuschauen - nicht nur, weil sie unterschiedliche Inhalte präsentieren. Die einander widersprechenden, sich im Vergleich aber sinnvoll ergänzenden Zugangsweisen, das historische Thema zu verarbeiten, zeigen wie sehr über die Gattungsästhetiken Geschichte rekonstruiert, konstruiert und kommentiert wird.

Dass beide Veröffentlichungen über nur wenig Zusatzmaterial verfügen, hat damit neben dem angenehm günstigen Preis noch den Sinn, dass man sich darauf konzentrieren kann, ausschließlich die "Texte", die sie sind, miteinander ins Verhältnis zu setzten, ohne die Paratexte, die das Bonusmaterial darstellt, noch zur Bewertung hinzurechnen zu müssen.

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