Böse Überraschungen

Fantasy-Filmfest-Blog letzter Tag: "Mutants", "Orphan" und "Giallo"

Der letzte Berliner Fantasy-Filmfest-Tag hat noch einmal einige Überraschungen in positiver wie negativer Hinsicht bereit gehalten. Das Festival gestern sogar auf die Titelseite des Kölner Stadt-Anzeigers geschafft und damit seinen Ruf als Indikator für das fantastische Kino noch einmal gefestigt. Heute war die Firma Kinowelt anwesend, die den Horrorfilm "Orphan" ins Kino bringen wird, und hat die Zuschauer in einem Fragebogen zum Film befragt. Zudem stand am Kinoeingang jemand, der die eintretenden Zuschauer ungefragt gefilmt hat.

"Orphan" gehört erzählerisch zu den stärksten Beiträgen des diesjährigen Festivals. Er setzt die Reihe von "Kinder-Horrorfilmen" fort, die sich in den vergangenen Tagen aufgestellt hat: Ein Ehepaar adoptiert, nachdem die Frau eine Totgeburt hatte, ein russisches Mädchen aus dem Waisenhaus. Die etwa 10-Jährige freundet sich sofort mit ihrer taubstummen kleinen Schwester an - zum etwa gleichaltrigen Bruder bestehen jedoch Differenzen. Und irgend etwas stimmt auch nicht mit dem Kind, das sich seltsam altklug verhält und Konkurrenten, Schul-Mobber und diejenigen, die in seiner Vergangenheit herumschnüffeln, sofort brutal bestraft. Als die Adoptivmutter Angst um das Wohl ihrer Familie bekommt und die Kleine wieder loswerden möchte, stellen sich alle - sogar ihr Mann - gegen sie; das Pflegekind hat es geschafft durch Einschüchterungen und Manipulationen die Familie unter Kontrolle zu bringen und zu spalten.

"Orphan"

"Orphan", das muss man dem Film lassen, hat einen der klügsten Plottwists, die man im Horrorfilm der vergangenen Jahre bewundern durfte. Insgesamt wirkt der Film wesentlich runder und professioneller als andere ähnliche Beiträge ( "Case 39", "The Children") des Festivals. Die Frage, warum die Waise nun ausgerechnet aus Russland kommen musste, um als Bedrohung für die ohnehin schon traumatisierte amerikanische Kleinfamilie instrumentalisiert werden zu können, ist jedoch kaum zu verdrängen. Wird hier lediglich an Paranoia-Diskurse a la "Village of the Damned" und "Invasion of the Body Snatchers" angeschlossen? Oder ist "Orphan" einmal mehr der Versuch einer "Re-Dämonisierung" des Ostens nach dem Ende des Kalten Krieges? Immerhin sind diese alten Feinde ästhetisch greifbarer als ein diffuser "internationaler Terrorismus". Damit hätte "Orphan" dann schon beinahe auch eine therapeutische Funktion: Man kann sich im Kino endlich mal wieder richtig entspannen angesichts so klarer Bedrohungslagen.

Während in den USA also russische Kinder ihr Unwesen treiben, wird Frankreich von einer Zombie-Seuche heimgesucht. In der Low-Budget-Produktion "Mutants" hat man versucht, mit begrenzten Mitteln das Beste zu erreichen und den Handlungsort auf das Innere eines Krankenwagens und eine Lagerhalle beschränkt. Hierin flüchtet ein Paar vor den wahnsinnigen Infizierten, deren Biss die Krankheit überträgt. Der Mann ist infiziert, seine Frau offenbar Krankenschwester und so entspinnt sich zunächst eine Erzählung von Verlust- und Todesangst, Entfremdung und Misstrauen zwischen den beiden. Dann jedoch tauchen Fremde auf und die Situation gerät außer Kontrolle.

"Mutants"

"Mutants" leidet sehr unter seinem schlechten Drehbuch. Während auf Bild- und Tonebene der Minimalismus hervorragend für das Zombie-Thema ausgereizt wird, hangelt sich der Plot von einer Zombiefilm-Standard-Situation in die nächste. Die Probleme beginnen beim "Dawn of the Dead" zu ähnlichen Setting und enden mit Inkonsequent gezeichneten Konflikten. Eine Lanze möchte ich für den Film dennoch brechen, weil er dem Zombie-Motiv nach den Filmen Andrew Parkinsons ( "Dead Creatures" und "I, Zombie") eine weitere mikrosoziale Facette abgewinnt, die Verlustängste und Liebesentzug aspektiert.

Den Schluss des Festivals bildete Dario Argentos jüngstes Werk "Giallo" und die Frage der meisten Anwesenden dürfte gewesen sein, nicht ob, sondern wie schlecht das nun wieder werden würde. Argento, der seine Hochphase im italienischen Horrorfilm der 1970er-Jahre hatte, hat einfach den Moment verpasst, in Würde abzutreten und mit Machwerken wie "The Card Player" und "Mother of Tears" in der jüngeren Vergangenheit sogar die ihm ansonsten noch wohl gesonnenen Fans vergrätzt. "Giallo", der schon allein mit seinem Titel, welcher eine Anspielung auf das von Argento mit geschaffene Krimi-Sub-Genre ist, hatte demzufolge gleich zwei Erwartungen, die er enttäuschen konnte.

"Giallo"

Dass er sie dann nicht ganz enttäuscht hat, stimmt beinahe milde: "Giallo" ist ein unauffällig erzählter Kriminalfilm um einen Leberkranken Serienmörder aus Milano, der, weil er selbst hässlich ist, hübsche Frauen ermorden muss. Seinen Titel leitet der Film also im Wesentlichen von der Gesichtsfarbe seines Antagonisten ab. Dem nicht unähnlich sieht aber der Protagonist aus - ein FBI-Agent, gespielt von Adrian Brody. Und während man sich als Zuschauer noch fragt, wie ein gefragter US-Schauspieler wie Brody in einen italienischen Krimi mit "Tatort"-Appeal gelangt sein könnte, hat "Giallo" auch schon wieder geendet - sehr unspektakulär, aber zum Glück nicht ärgerlich.

Nachtrag: Die Firma Kinowelt hat mich per E-Mail darüber informiert, dass die Aufnahmen nichts mit der Umfrage zu tun hatten und auch nicht von Kinowelt beauftragt wurden.

Anzeige