Brandanschlag auf Satirezeitung Charlie Hebdo

Die Zeitung taufte sich zu "Scharia Hebdo" um und will die Wahlergebnisse in Tunesien kommentieren

Eine Zeitungsredaktion in Paris brannte heute Nacht aus, mutmaßlich durch den Wurf eines Molotow-Cocktails in Brand gesteckt. Gegen ein Uhr früh brach das Feuer in den Räumen der linksliberalen, satirischen Wochenzeitung Charlie Hebdo aus, welche zu zwei Dritteln verwüstet wurden. Auch ihre Webseite wurde gleichzeitig zum Objekt eines Hackerangriffs.

Aller Wahrscheinlichkeit nach besteht ein Zusammenhang zum Erscheinen ihrer neuesten Ausgabe vom heutigen Mittwoch. "Um die Wahlergebnisse in Tunesien und die Erklärung der Scharia" - der orthodox-islamischen Gesetze und Gebote - "zur Quelle der Gesetzgebung in Libyen zu begrüßen", so begründete es ihre Redaktion der Satirezeitung, wurde ihre neueste Nummer von Charlie Hebdo in "Scharia Hebdo" umgetauft. Im Blattinneren wird, auf sarkastische Weise, das Leben unter der Scharia mit Alkoholverbot, Verhüllung der Frauen u.ä. ausgemalt. Bis zur Stunde des mutmaßlichen Anschlags war Außenstehenden allerdings lediglich das Titelblatt der Zeitung, das seine Sondernummer öffentlich angekündigt und beworben hatte, bekannt gewesen. Es zeigt einen gezeichneten Propheten Mohammed, der den Betrachtern droht: "Wenn Ihr Euch nicht totlacht, gibt es 100 Peitschenhiebe!"

Der durch die Zeitung genannte Anlass für das Erscheinen der Sondernummer, also der Bezug u.a. auf den Wahlausgang in Tunesien, war dabei freilich ziemlich konstruiert und inhaltlich falsch. Die Wahlsiegerin, die Partei En-Nahdha ("Wiedergeburt, Renaissance") will nicht nur nicht die Scharia in Tunesien einführen, sondern hat sogar explizit das Gegenteil angekündigt. Ihr Gründer, Rachid Ghannouchi, proklamierte in einem Interview in Frankreich die allgemeine Glaubensfreiheit und bezog sich dabei - am Beispiel von Glaubensrichtungen im Irak - auch auf Religionen, die nicht wie Christen- und Judentum als "Buchreligionen" im Islam offiziell anerkannt sind.

Doch diese inhaltlich falsche Darstellung war es wohl nicht, die die Urheber des Anschlags in Rage brachte. Wahrscheinlicher ist, dass sie sich darüber erzürnten, dass der Prophet des Islam erneut in einer Karikatur abgebildet und dadurch gegen das in einer orthodoxen Auslegung der Religion geltende Bilderverbot verstoßen wurde.

Dieselbe Zeitung hatte tatsächlich bereits im Jahr 2006 die aus einer dänischen Zeitung, Jllands Posten, übernommenen und berühmt gewordenen Mohammed-Karikaturen in Frankreich abgedruckt. Dies löste einen Prozess aus, der im Februar 2007 stattfand und an dessen Ende Charlie Hebdo schließlich freigesprochen wurde. Die Karikaturen waren umstritten, weil eine von ihnen Mohammed mit einem Turban in Form einer Bombe mit brennender Zündschnur darstellte. Dadurch, so viele Kritiker, werde eine unzulässige Parallele zwischen der Religion der Muslime als solcher und dem Terrorismus politischer Gruppen gezogen. Nicht dieses Argument diente den Klägern - konservativen muslimischen Vereinigungen - jedoch als Grundlage ihrer Rechtsbeschwerde, sondern der Vorwurf der Blasphemie. Vor diesem Hintergrund konnte die Zeitung nur freigesprochen werden, weil der Straftatbestand der "Gotteslästerung" in Frankreich unter der Revolution 1791 definitiv abgeschafft worden war.

Während des Prozesses hatte unter anderem auch der damalige Innenminister Nicolas Sarkozy durch einen Brief seine Solidarität für Charlie Hebdo erklärt, was den Anspruch der Zeitung, "subversiv" zu sein, zumindest stark relativierte. Klar war jedoch auch, dass das Grundanliegen der Satirezeitung, als sie damals die Karikaturen abdruckte, in ihrem Verständnis von Antiklerikalismus lag. Anders als die dänische Jllands Posten, die zuvor Karikaturen mit Bezug auf das Christentum wegen "drohender Verletzung religiöser Gefühle" abgelehnt hatte, kannte Charlie Hebdo tatsächlich nie solche Rücksichtnahmen. Auch gegenüber christlichen Glaubenseinstellungen zeigte sie sich stets rückhaltlos satirisch.

In ihrem Anspruch, besonders mutig und "subversiv" zu sein, kann man die Zeitung durchaus kritisieren, da ihr Ansatz - jedenfalls die Kritik am Islam betreffend - in der berühmten "Mitte der Gesellschaft" durchaus für sehr konformistische Kräfte anschlussfähig ist. Aber nun stieß die Zeitung offenbar auf Menschen, die an solcherlei subtilen Überlegungen wohl nicht interessiert sind. sondern bereit sind, ob der "Beleidigung ihrer Religion" rot zu sehen und rabiat zu werden. Und gründlich humorlos noch dazu. Es sei denn, es handelte sich um eine rechtsradikale oder andere Provokation, wie manche Beobachter heute früh zunächst vermuteten (ohne freilich über nähere Anhaltspunkte zu verfügen).

Konkrete Tatverdächtige wurden bis zur Stunde nicht bekannt. Verschiedene Protagonisten, unter ihnen Oppositionspolitiker und Vertreter der konservativen Regierung, Solidarisierten, sich mit der angegriffenen Wochenzeitung. Auch der Zentralrat der französischen Muslime verurteilte das Attentat, kritisierte aber auch Charlie Hebdo für die erneute Veröffentlichung einer Mohammed-Karikatur.

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