Britischer Regierung ist der Deal zu Hinkley Point nicht geheuer

Die Unterzeichnung des Vertrags wird mindestens auf Herbst verschoben, nachdem die EDF das Projekt nun doch abgesegnet hat

Nun bekommt man offenbar in London kalte Füße angesichts des umstrittenen Atomkraftwerks in Hinkley Point. Nachdem gestern der Verwaltungsrat der französischen Electricité de France (EDF) dann das Projekt doch noch beschlossen hat, sollte am Freitag eigentlich der Vertrag unterzeichnet werden. Doch eine entsprechende Reise wurde abgesagt, meldete schon gestern die BBC. Man werde den Vertrag zunächst "sorgfältig prüfen" und eine Entscheidung werde erst im Herbst fallen, erklärte die Regierung.

Es ist ein erneuter herber Rückschlag für die französische Atomindustrie, dass die neue Regierungschefin Theresa May sich wohl nicht mehr so sicher ist, ob es ein guter Deal ist, den dreckigen Atomstrom auch noch massiv zu subventionieren.

Unsicherheiten und Kosten kommen hinzu. Denn stets muss darauf verwiesen werden, dass das EPR-Projekt mit geplanten 23 Milliarden Euro schon extrem teuer ist. Und längst gibt es gute und günstigere Alternativen. Die zeigt Schottland gerade auf. Dort werden die Grundlagen gelegt, um auch die britischen Nachbarn mit sauberen und billigen Strom aus erneuerbaren Quellen versorgen zu können.

Die beiden EPR-Projekte, die der Pleite-Kraftwerksbauer Areva seit vielen Jahren in Frankreich und Finnland baut, sind dagegen kaum geeignet, Vertrauen zu schaffen. Die Kosten haben sich mehr als verdreifacht und die Projekte hängen 6 und 9 Jahre hinter den Zeitplänen zurück. Da sogar Zweifel an derSicherheit der Druckbehälter bestehen, ist unklar, ob sie jemals ans Netz gehen.

Ein Problem für die Regierung ist, dass der subventionierte Strom aus dem Atomkraftwerk die Verbraucher sehr teuer kommen würde, wenn das Projekt jemals umgesetzt würde. Der EDF soll für 35 Jahre ein Phantasiepreis garantiert werden, zu dem der Strom abgenommen wird. Umgerechnet etwa 110 Euro pro Megawattstunde soll der Strom aus den beiden Atommeilern kosten. Derzeit liegt der durchschnittliche Strompreis an der Börse bei 2,5 Cent pro Kilowattstunde, das sind also 25 Euro pro Megawattstunde. So muss man sich nicht wundern, wenn auch die britische Presse von einem "bad business" spricht.

Während in Großbritannien ohnehin die Beteiligung eines chinesischen Partners umstritten ist, bekommt die China Nuclear Power Corporation (CGN) angesichts einer vermutlichen Kostenexplosion derweil kalte Füße und hat ihre Beteiligung ohnehin schon von geplanten 40 auf 33,5% gesenkt. Es bleibt zu erwähnen, dass auch in China die Bauarbeiten an zwei EPR-Reaktoren auf Eis gelegt wurden, nachdem die Zweifel an den Druckbehälter in Flamanville und die Fälschung von Sicherheitszertifikaten bekannt wurden.

Feststeht, dass die französische Regierung gegen alle Widerstände das Projekt über seinen Staatsbetrieb umsetzen will. Es soll zudem der Rettungsanker für den staatlichen Atomkraftwerksbauer Areva werden, der nach seiner Pleite ohnehin zerschlagen wird und zum Teil ebenfalls in die EDF übergeht. Die will allerdings nicht für den möglichen Absturz des EPR in Finnland verantwortlich gemacht werden. Hinkley Point C bezeichnet man dagegen als "einzigartigen Trumpf“ für die französische Industrie: "Er nützt der gesamten Nuklearkette und den Arbeitsplätzen der Konzerne sowie den Klein‑ und Mittelunternehmen der Branche."

Das sehen viele anders, weshalb schon der EDF-Finanzchef Thomas Piquemal aus Protest zurückgetreten ist. Er warnte vor einem finanziellen Abenteuer das die EDF in "eine ähnliche Situation wie Areva" bringen könnte. Vor der Verwaltungsratssitzung gestern gab es einen neuen Rücktritt. Überraschend trat das Verwaltungsrats-Mitglied Gérard Magnin ab. In einer schriftlichen Begründung, erklärte er, den Kurs nicht weiter unterstützen zu können.

Er habe den Job von der Regierung einst "enthusiastisch“ akzeptiert, um die "tiefgreifende Transformation" des Unternehmens im Hinblick auf erneuerbare Energien voranzubringen. Schließlich hatte auch die Regierung Hollande früher die Energiewende versprochen. "Aber im Gegensatz dazu hat sich das Gravitationszentrum der EDF wieder in Richtung Atomenergie verschoben“, kritisiert Magnin.

Er und Piquemal sitzen dabei mit der kommunistischen Gewerkschaft CGT in einem Boot, die sich ebenfalls gegen das Projekt in Hinkley Point stellt. Die CGT spricht deshalb von einer "politischen Entscheidung", denn aus anderen Gründen hätte das Projekt nie eine Zustimmung erhalten, erklärte die größte Gewerkschaft. "Zu behaupten, dass Hinkley Point die Nuklearbranche retten wird, ist intellektueller Betrug und ein politischer Fehler." Sie kritisiert, dass nicht einmal eine Gerichtsentscheidung abgewartet wurde. Denn wegen Gewinneinbußen sollen bis 2018 bei der EDF 5% der 220.000 Stellen gestrichen werden.

Klar, wie das höchste Gericht festgestellt hatte, verkauft die EDF ihren Strom unter dem Gestellungspreis, um das Märchen vom billigen Atomstrom aufrechtzuerhalten. 28 Millionen Kunden werden jetzt nachträglich zur Kasse gebeten, nachdem die Konkurrenten mit ihrer Klage erfolgreich waren. Gegen die Jobstreichungen wurde auch mit Hinblick auf das teure Projekt in Hinkley Point geklagt.

Die CGT fordert Klarheit über die realen Kosten der beiden Meiler in England. Sie hat auch auf den Brexit verwiesen, mit dem neue Arbeitsgesetze in Großbritannien und Handelshemmnisse kommen könnten, welche die Kosten zusätzlich in die Höhe treiben können.