Bücher? Vergessen oder neu erfinden

Harald Taglinger
Neben der Spur

Printmedien haben seit Hunderten von Jahren innovationsarm gut leben können. Nun möchte man etwas Neues sehen. Aber was? eBooks? Ehrlich?

Mit dem Launch der Tablets durch seine Hoheit Steve I Anno Domini 2010 ist eine Diskussion noch stärker ins Rollen gekommen, die man eigentlich wie ein Grundrauschen seit dem Aufkommen digitaler Medien vernimmt. Schon mindestens seit 1993 das Forum digitales Publizieren in Leipzig die Erscheinung des digitalen Buches verkündet hat, warten alle wie wild darauf. Das ist das Ende für papierspendende Nadelhölzer, heisst es. Jetzt wird das Medium endlich neu erfunden, das eigentlich noch wie vor 500 Jahren in Mainz daher kommt. Und hier meinen wir nicht das ZDF.

Nach der gepflegten Arschbombe von Steve Ballmer mit Slate und dem leider zu stark mit dem iPad vergleichbaren Galaxy von Samsung, steigt nun ein neuer Wettbewerber mit in den Ring. Sony liefert mit dem Tablet P gleich eine Art von Buch-Computer oder Computer Buch ab. Die Branche geht vom Tablet als quasi Standard PC der Zukunft aus. Und diese Geräte sind ideal, um mehr Text und Bilder als bisher in Printlayout zu konsumieren.

Na, dann kann ja das elektronische Buch kommen, oder wir verfilmen gleich das Hornberger Schiessen.

Sicher, Kindle und andere Reader liefern schon Print auf dem Display ab, aber das will noch nicht so richtig begeistern. Das sieht mehr die wie Simulation einer Reclam Schwarte aus. Da wurde nur ein Medium eins zu eins in ein anderes übernommen. Es sollte vielleicht doch mehr sein, das da mit digitalen Kanälen auf uns zu kommt. Wo bleiben die neuen Möglichkeiten wie Video und Ton? Muss man sich denn alles selbst ausdenken bei der Lektüre?

Ohne jetzt zu kindlich wie damals „Lulu“ von Ravensburger Interactive in den 90ern sein zu wollen, bietet Booktrack, hier im Fontblog dargestellt eine Erweiterung des Leseerlebnisses mit akkustischen Elementen an. Der Soundtrack zum Buch soll so wahr werden. Oder Lesen wird stressig, denn ein Tracker stellt fest, wie weit man vermutlich im Text mit den Augen gekommen ist und bietet passend dazu das orchestrale RRRRRRUMMMMMS für den nächsten Mord im Text an. Alles mit Musik. Und Buttons. Irre.

Vermutlich werden bald die ersten Leser an Herzattacken zu leiden haben, weil sie die Tonleitern des neuen Bestsellers leider im Rekordtempo durch die Zeilen gejagt haben und dann auch noch mit einer sanften Stimme versahen, dass man heute nur 35 Seiten geschafft habe und deshalb nicht im HighScore lande. Da blocktieren aber eh Elke Heidenreich und Denis Scheck die ersten 25 Plätze.

Professor Anne Trubek glaubt übrigens, dass die Handschrift aussterben wird. Vermutlich mit der letzten Papiermühle zusammen. Gut zu wissen, wie es ausgeht. Man soll ja nicht die letzte Seite zuerst lesen...