"Bück Dich hoch" oder: Von Getroffenen Hunden

Twister (Bettina Hammer)
Außer Kontrolle

Ein Herr gibt süffisant an, dass er "Bück dich hoch" (ein Stück der Gruppe Deichkind) favorisiert und erhält daraufhin eine fristlose Kündigung. Dabei ist der Titel so passend.

Von Loyalität und Kritik

Wenn es etwas gibt, was viele Arbeit"geber", wie sie im allgemeinen genannt werden, stets wie ein Schild vor sich halten, dann ist dies die Loyalität ihnen gegenüber. Der Lohnempfänger hat den Lohnzahlenden nicht nur respektvoll zu behandeln, er hat auch Kritik zu unterlassen und sich mit dem Betrieb zu identifizieren, während sich gerade die Lohnzahlenden oft genug von der "Belegschaft" entkoppelt haben und beispielsweise durch Angebote wie: "Jeder von uns verzichtet jetzt auf 50% des Lohnes/Gehaltes, bis es uns besser geht" dies zu verschleiern versuchen.

"Sei froh, dass du eine Arbeit hast" - das schon von den Großeltern meist eingeimpfte Dogma der "Erwerbstätigkeit über alles"-Idee wird heutzutage mehr denn je gepredigt und die Erwerbstätigkeit zum Lebensinhalt erhoben, ohne den sich der Mensch nutz-, würde- und sinnlos fühlt. Der Lohnzahlende hat längst (in den meisten Fällen jedenfalls) seine Lohnzahlung als einzige Gegenleistung für die Tätigkeit des Lohnempfängers ausgemacht, faire Behandlung, gar Solidarität sind nur fehl am Platze, wenn es in vielen Fällen ein Heer von w/billigen Ersatzlohnempfängern gibt, die im Zeitalter der Sanktionen und ALG II die Wahl zwischen "mitspielen oder verhungern" haben. Auch wenn das Verhungern eine Zeit auf sich warten lässt, weil Lebensmittelmarken, Obdachlosenasyl und Suppenküche noch die Ärmsten der Ärmsten auffangen, so ist die Wahl, sich manchem Arbeitsplatz zu verweigern, letztendlich die Wahl, ohne Dach über dem Kopf und Essen dazustehen. Dabei wird jedwede Tätigkeit von den Außenstehenden als fairer Ausgleich dafür, dass der Staat ja immerhin das Leben ansonsten bezahlt, angesehen.

Diese Aspekte führen dazu, dass viele Arbeitende, um den Begriff des Arbeitnehmers zu vermeiden, letztendlich nicht nur im Beruf Schikanen ausgesetzt sind, sondern über diese auch nicht mehr reden, da als Antwort entweder ein "Anderen geht es auch nicht besser", ein "Da muss man halt durch" oder ein "Sei froh, dass du Arbeit hast" kommt. Das Internet ist insofern ein praktisches Medium, um seine Frustration (ggf. unter Gleichgesinnten) loszuwerden. Doch da etliche Menschen mit ihren Daten um sich werfen, als sei es Konfetti zur Karnevalszeit, birgt dies in einer Welt, in der die Entgeltzahler schon einmal im Netz herumsurfen, um herauszufinden, wer was über welche Firma schreibt, Gefahren.

Assoziationen

Viele Arbeit"nehmer" sind mittlerweile dazu übergegangen, nicht mehr direkte Kritik zu üben, sondern sich höchstens so auszudrücken, dass mehrere Assoziationen möglich sind, was ihre Kommentare angeht. Das kann, muss aber nicht gutgehen. Ein solcher Fall ist der Fall eines Lohnempfängers, der auf seiner Facebookseite einen Link zum Text der Gruppe "Deichkind" veröffentlichte und süffisant fragte, wieso ihm dieses Lied wohl so gefalle.

"Deichkind", obgleich selbst Teil der Verwertungsmaschinerie, haben sich in den letzten Monaten vielfach dadurch in die Öffentlichkeit gebracht, dass sie die Praktiken der von ihnen beauftragten Verwerter offen kritisierten. Im Lied "Bück dich hoch" kommentieren sie auf gewohnt derbe Weise eine gnadenlose Arbeitswelt, in der unkritisches Denken und Burnout zum Standard gehören.

Halt die Deadline ein, so ist's fein!
Hol' die Ellenbogen raus, burn dich aus!
24/7, 8 bis 8, was geht ab, machste schlapp, what the fuck?!
...
Dieses Wochenende pitch, machste mit!
Bück dich hoch.
Denke groß, sei aktiv, hat dich fit!
Bück dich hoch.
Pass dich an, du bist nichts, glaub ans Team!
Bück dich hoch.
Halt die Schnauze, frisch ans Werk und verdien!
Bück dich hoch.
Aufgebraucht, abgeraucht, ausgetauscht!
Bück dich hoch.
Komm pack im Meeting noch ne Schippe drauf!
Bück dich hoch.
Yogakurs, abgesagt, reingekloppt!
Bück dich hoch.
Fehlt der Job, ja mein Gott, tu als ob!
Bück dich hoch.
[/b]
Der Lohnzahler konnte in dem Fall wohl keine andere Assoziation anstellen als jene, dass der Herr seine eigenen Arbeitsbedingungen mit denen, wie sie im Text besungen werden, gleichstellt, was letztendlich zur "Getroffene Hunde"-Theorie führt. Es liegt vielleicht nahe, so zu denken, genauso nahe liegt die Annahme, dass es zig andere Gründe für die Favorisierung des Titels geben kann.
Doch für den Lohnzahlenden war klar: "Diese Äußerung kann nur so verstanden werden, dass Sie die von Deichkind besungenen mit den bei uns herrschenden Arbeitsbedingungen gleichsetzen", wird die Begründung der fristlosen Kündigung zitiert, die den Herren erreichte. "Dadurch, dass Sie unsere Arbeitsbedingungen mit den von Deichkind besungenen vergleichen, werfen Sie uns menschenverachtende Arbeitsbedingungen vor, bei denen die Mitarbeiter aus reiner Profitgier unter Gefährdung der Gesundheit ausgebeutet werden."
Obgleich die Frage, ob eine solche Kündigung rechtens ist, natürlich im Raum steht (der Betroffene hat eine Kündigungsschutzklage eingereicht), zeigt der Fall erneut auf, welche Probleme sich hinsichtlich der Kritik an Arbeit"gebern" ergeben und wie schnell offene Kommentare zu (unschönen) Konsequenzen führen können. Das ist keine neue "Weisheit", doch angesichts der Debatten um die "Spackeria" (die Privatsphäre und Datenschutz für eher altmodisch hält), um die Vorratsdatenspeicherung, die auch Anrufe bei Betriebsräten, Therapeuten usw. beinhaltet, um die Frage der Offenheit im allgemeinen, wird die Frage, wie sich zunehmender Zwang zur Erwerbstätigkeit, verbunden mit dem Zwang zur "Solidarität und Loyalität", der vom Arbeit"geber" dann auch noch kontrolliert wird, auf die Menschen im allgemeinem auswirken wird. "Halt die Schnauze, frisch ans Werk und verdien!", dürfte insofern eine passende Zusammenfassung der Resultate der bisherigen Denkweise sein, dass Erwerbstätigkeit über alles geht.