Chaos im Luftverkehr als Chance zum Umdenken?

Während Fluglinien und Wirtschaft vor großen Verlusten warnen, sehen Umweltschützer den von der Vulkanasche ausgehenden Zwang, Alternativen zum Flugverkehr zu finden, als positiv an

Nicht nur in Deutschland protestieren Fluglinien gegen das verhängte Flugverbot wegen der Aschewolken von dem isländischen Vulkan Eyjafjallajökull. Neben den nationalen Fluglinien kritisiert nun auch der Weltluftfahrtverband IATA die Flugverbote hart. Hauptkritikpunkt ist hier wie dort, dass die Flugverbote aufgrund von Computersimulationen und nicht anhand von Messungen verhängt werden – und dies pauschal und nicht lokal differenziert. Die Entscheidungen müssten sich auf Fakten, nicht auf die Theorie stützen, wird moniert, vor allem aus dem Grund, weil die Fluglinien täglich 200 Millionen US-Dollar Verluste machen würden.

Verkehrsminister Ramsauer weist die Kritik ebenso wie Forderungen nach staatlicher Entschädigung zurück. Sicherheit habe den Vorrang und die Fluglinien wüssten, dass sie vom Wetter abhängig sind. Wirtschaftsminister Brüderle trifft sich heute mit Wirtschaftsvertretern, um zu sehen, wie sich schwerwiegende Auswirkungen auf die Wirtschaft vermeiden ließen. Er sagte: "Wenn in der globalisierten Wirtschaft Wertschöpfungsketten über einen längeren Zeitraum unterbrochen werden, kommen wir in eine ernste Lage, denn viele unserer Industriezweige hängen vom Transport mit Flugzeugen ab."

Das finden Umweltschützer und Fluggegner allerdings weniger dramatisch. Die 63.000 Flüge, die während des viertätigen Flugverbots in vielen europäischen Ländern abgesagt werden mussten, hätten nämlich, so die britische Aviation Environment Federation gegenüber der Times, 1,3 Millionen Tonnen CO2-Emissionen eingespart. Das sei mehr als die jährlichen Emissionen von 50 Entwicklungsländern wie Malawi oder Ruanda. Eine globale Abkühlung ist aber nicht zu erwarten.

An einem normalen Tag würden durch die 28.000 Flüge im europäischen Luftraum 560.000 Tonnen CO2-Emissionen entstehen. In Großbritannien hat die Luftfahrt einen Anteil von 6 Prozent an den Gesamtemissionen, im weltweiten Durchschnitt sind es 2 Prozent. Während die einen Schreckensszenarien an die Wand malen, spricht Jeff Gazzard von der Aviation Environment Federation von einer kreativen Chance. Auch Bundeskanzlerin Merkel musste sich schließlich Wege suchen lassen, wie sie ohne Flugzeug von Bozen nach Berlin gelangte. "Die Nutzung von Zügen, Fähren und Videokonferenzen ist explodiert, nachdem die Flugzeuge nicht mehr starten konnten. Auch wenn Vulkanausbrüche kein alltägliches Ereignis sind", so Gazzard, "ist die Botschaft der letzten Tage, dass die Welt nicht aufhört, sich zu drehen und die Menschen Alternativen zur Flugreise finden können." Möglicherweise hätten Millionen von Geschäftsleuten sich Alternativen überlegen müssen, manche würden vielleicht ihre Arbeitsgewohnheiten daraufhin dauerhaft verändern.

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