Chile: Rettungseinsatz als PR-Kampagne

Bergung von verschütteten Bergleuten hat begonnen. Kritik an Instrumentalisierung durch Regierung von Präsident Sebastián Piñera

Nach rund zweieinhalb Monaten hat in Chile die Bergung von 33 Bergleuten aus einer Kupfer- und Goldmine in der Atacama-Wüste begonnen. Kurz nach sieben Uhr deutscher Zeit wurde bereits der dritte Kumpel mit einer Rettungskapsel aus der Tiefe geholt. Für die Bergung eines jeden der Verschütteten wird rund eine Stunde eingeplant.

Die Bergungsaktion ist zugleich ein globales Medienereignis. Über 500 Sender aus allen Teilen der Welt verfolgen die seit Wochen vorbereitete Rettung der Minenarbeiter. Auch Präsident Sebastián Piñera war vor Ort, als der erste der Verschütteten an Tageslicht geholt wurde. Der rechtsgerichtete Politiker, der erst im März dieses Jahrs sein Amt angetreten hatte, muss sich in Chile jedoch auch den Vorwurf gefallen lassen, das Minenunglück politisch zu instrumentalisieren.

Von Beginn an hatte die Regierung Piñera das Geschehen in der abgelegenen Mine genutzt, um sich in Szene zu setzen. Nach Ansicht von Mauricio Weibel, Korrespondent der deutschen Nachrichtenagentur dpa, war das Geschehen um die 33 Verschütteten ein „Katapult“ für die Staatsführung. Hatte der nur knapp gewählte Piñera bei Amtsantritt nur knapp 45 Prozent Zustimmung in der Bevölkerung des südamerikanischen Landes, ist der Wert auf inzwischen 58 Prozent hochgeschnellt. Inzwischen scheint es sogar möglich, dass in Chile die rechte Regierung des ehemaligen Anhängers von Diktator Augusto Pinochet wiedergewählt wird. Dies, so Weibel, wäre seit einhundert Jahren ein Novum in Chile.

Neben Präsident Piñera ist Bergbauminister Laurence Goldborne Nutznießer des medialen Hypes. Der Technokrat, Vertreter des chilenischen Megakonzerns Cencosud und Ex-Mitarbeiter des Erdölkonzerns Exxon, genießt inzwischen die Zustimmungswerte von bis zu 90 Prozent der Bevölkerung. In den chilenischen Medien sind bereits jetzt Spekulationen losgebrochen, ob Goldborne die Nachfolge von Piñera antreten könnte. Doch der amtierende Staatschef scheint andere Pläne zu haben: Während alle Welt – und vor allem Chile – auf das Geschehen an der Mine schaut, hat Piñera eine Debatte über die Möglichkeit seiner Wiederwahl begonnen. Bislang kann laut chilenischer Verfassung das Präsidentenamt nur über eine Legislaturperiode hinweg ausgeübt werden.

Oppositionelle Abgeordnete und Senatoren werden mit ihren Meinungsäußerungen in Chile kaum, international so gut wie gar nicht wahrgenommen. Auf ebenso geringe Resonanz stieß der Hinweis von Gewerkschaften, dass die katastrophale Arbeitssituation und mangelnde Kontrollen zu dem Unglück geführt haben. Das Arbeitsrecht in Chile stammt noch aus der Zeit der Diktatur, entsprechend sind die Auflagen für Konzerne. Dies, so heißt es, habe mit zur Beinahe-Katastrophe geführt. Auch die Statistiken belegen das Problem: 23 Prozent der Arbeiter in Chile sind ohne Vertrag tätig, 40 Prozent haben keine Sozialversicherung.

Äußerst problematisch ist die Lage daher nicht nur für die 33 Bergleute, deren Rettung derzeit läuft, sondern für über 300 ihrer Kollegen, die sich nach dem Einsturz der Mine am 5. August retten konnten. Sie bekommen seither keinen Lohn. Diese Arbeiter demonstrierten in den vergangenen Tagen nahe der Mine San José und in Santiago unter dem Motto: "Para tu show, Piñera, 300 estamos afuera" – "Hör auf mit deiner Show, Piñera, wir 300 sind hier draußen."

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