China: Fehlende Frauen gefunden

Ein genauer Blick in die chinesischen Statistiken hat ergeben, dass die restriktiven Vorschriften oft umgangen und weibliche Geburten nicht angemeldet wurden

Entwicklung der Fruchtbarkeitsrate im Verlaufe der Jahre in China und im Vergleich dazu in einigen ausgewählten Ländern. Bild: Weltbank

China hat ein Problem weniger. Wie es aussieht könnte das Geschlechtermissverhältnis unter den nach 1980 Geborenen nicht ganz so gravierend sein, wie bisher angenommen. Bisher waren sich die meisten Beobachter einig, dass in der Volksrepublik in den letzten 36 Jahren 30 Millionen weniger Mädchen als Jungen geboren wurden.

Als Ursache dafür galt die Mischung aus sogenannter Ein-Kind-Politik – die in Wirklichkeit ein wenig differenzierter war – und der Bevorzugung männlichen Nachwuchs, der den Familiennamen weiter tragen, an den Gräbern der Ahnen Opfer bringen und die Alten dereinst versorgen soll.

Nun haben jedoch, wie unter anderem die in Hongkong erscheinende South China Morning Post berichtet, ein US-amerikanischer und ein chinesischer Wissenschaftler vermutlich einen Teil der fehlenden Mädchen und Frauen gefunden.

Die beiden, John Kennedy von der Universität von Kansas (USA) und Shi Yaojiang von der Universität von Shaanxi (China), haben etwas relativ Simples gemacht. Sie schauten sich die Geburtsstatistiken von 1990 an und verglichen sie mit der Zahl der 20jährigen im Jahr 2010. Vermutlich haben sie zunächst nicht schlecht gestaunt, als sie das Ergebnis sahen: Der Jahrgang war zwischenzeitlich um vier Millionen Menschen gewachsen, und zwar um 1,5 Millionen junge Männer und 2,5 Millionen junge Frauen.

Da die Volksrepublik keine Einwanderung hat, die auch nur in entferntesten an diese Zahlen reicht, ist die einzige Erklärung, dass viele Geburten erst verspätet gemeldet wurden. Dabei hatten die Eltern es offensichtlich vor allem bei Mädchen nicht so eilig mit der Registrierung. Der scheinbare Mengen-Abstand zwischen den Geschlechtern bei Geburt hat sich 20 Jahre später um eine Million verringert.

Hochgerechnet auf 25 Jahre ergebe das 25 Millionen mehr Frauen und Mädchen, als in den Geburtsstatistiken auftauchen, so Kennedy. Ein Mikrozensus hatte 2010 ergeben, das auf auf 100 weibliche 118 männliche Geburten kommen. Damit läge der chinesische Männerüberschuss weit über der globalen Norm. Im internationalen Durchschnitt werden auf 100 Mädchen 105 Jungen geboren.

Shi und Kennedy sind nicht ganz zufällig auf die Idee gekommen, sich die Statistiken näher anzuschauen. Auf der Internetseite der Universität von Kansas schreibt Kennedy, dass sie bereits 1998 bei Interviews in Dörfern der Provinz Shaanxi im Innern Chinas auf einen Bauern stießen, der einen Sohn und zwei Töchter hatte. Die jüngere Tochter bezeichnete er als die Nicht-Existierende. Nach den Regeln für die Landbevölkerung hatte er, nachdem seine Erstgeborene eine Tochter war, das Recht auf ein weiteres Kind. Das wurde ebenfalls ein Mädchen, das er jedoch nicht anmeldete, um noch ein weiteres Kind haben zu können.

Natürlich müssen die lokalen Behörden davon gewusst haben. Kennedy geht davon aus, dass sie den offensichtlich alles andere als einmaligen Vorfall gedeckt haben, weil die örtlichen Verantwortlichen – lokale KP-Chefs, Bürgermeister etc. – nicht nur ihren Vorgesetzten verantwortlich, sondern auch Teil der Dorfgemeinschaft sind. Das wäre allerdings für das Funktionieren des chinesischen Staates durchaus typisch. Im Guten wie im Schlechten hat die Führung in Beijing (Peking) oft Probleme, ihre Beschlüsse bis in den letzten Winkel des Riesenlandes durchzusetzen. Zu groß sind oft regionale und lokale Widerstände, manchmal im Apparat, manchmal in der Bevölkerung und manchmal in beiden.

In diesem Fall könnte sich die Flexibilität dieses Systems mal wieder als Segen erwiesen haben. Zum einen, weil letztlich die Gefahren für die soziale Stabilität geringer als befürchtet sind. ("Nichts ist sozial instabiler als ein Stausee voller Testosteron ohne Abfluss", so Kennedy.) Und zum anderen bedeutet es, dass es wohl doch demnächst etwas mehr Frauen im gebärfähigen Alter geben wird.

Die hat das Land auch dringend nötig, denn es steht vor einem Vergreisungsproblem. Durchschnittlich bekommen chinesische Frauen derzeit 1,66 Kinder, etwas mehr als ihre deutschen oder japanischen Geschlechtsgenossinnen, aber immer noch deutlich zu wenig, um die Bevölkerungszahl zu stabilisieren. Dafür müsste die Geburtenrate bei 2,1 Kinder pro Frau liegen.

Die Ein-Kind-Politik, die auf dem Land auch zwei und bei den nationalen Minderheiten noch mehr Kinder zuließ, ist daher in den vergangenen Jahren erheblich gelockert worden. Seit letztem Jahr dürfen auch städtische Familien zwei Kinder haben. Im Januar wurde zudem die nachträglich Meldung von Geburten auch ganz offiziell legalisiert.

Allein, inzwischen teilt China mit vielen anderen Industrieländern die Lebens- und Arbeitsbedingungen, die es erstens schwieriger machen, einen Lebensgefährten zu finden und zweitens Kinder aufzuziehen. Entsprechend rechnen die meisten Beobachter nicht damit, dass die neue Politik einen nennenswerten Einfluss auf die Geburtenrate haben wird.

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