China: Tücken der Wirtschaftsstatistik

Wachstum im dritten Quartal bei 6,9 Prozent. Ein genauerer Blick auf die Zahlen zeigt die Transformation der Wirtschaft

Chinas Wirtschaft ist im dritten Quartal um 6,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr gewachsen. Damit bewegt es sich "im vernünftigen Rahmen", meinte Premierminister Li Keqiang. Offizielles Ziel für 2015 sind sieben Prozent. Mit den jüngsten Zahlen sieht es danach aus, dass dies leicht verfehlt werden könnte.

Einige Beobachter, wie der Korrespondent der in Japan erscheinenden Asian Review, fragen nach der Glaubwürdigkeit der statistischen Angaben. Der Grund sind unter anderem das nur noch geringe Wachstum des Stromverbrauchs und der Rückgang des Frachtaufkommens bei der Bahn. Zusammen mit der Kreditvergabe bilden diese drei Parameter den sogenannten Li-Keqiang-Index, der derzeit wesentlich schlechter als die Wachstumszahlen ausfällt.

Diese Kenngröße ist nach Premierminister Li Keqiang benannt, der sie einst 2007 in seiner damaligen Funktion als Provinz-Parteichef in Liaoning gegenüber einem US-amerikanischen Diplomaten eingeführt hatte. Er würde sich statt auf die offiziellen Wachstumszahlen lieber auf diese Größen verlassen, um den Zustand der Wirtschaft zu beurteilen, hatte er in einem später öffentlich gemachtem privaten Gespräch erläutert.

Schon zuvor war die Unzuverlässigkeit der chinesischen Statistik kritisiert, die weniger mit den Absichten der Regierung in Beijing (Peking) zu tun hat, als mit dem Entwicklungsstand des Landes und den Interessen von Provinzbehörden und Betriebsleitungen, die eigenen Leistungen groß erscheinen zu lassen. Das Nationale Büro für Statistik in der Landeshauptstadt hat sich daher in den letzten Jahren einiges einfallen lassen, um seine Erhebungsmethoden zu verbessern und nicht allein auf die Meldung untergeordneter Behörden angewiesen zu sein.

Doch weshalb weicht der Li-Keqiang-Index trotzdem so stark vom gemeldeten Wachstum ab? Ursachen sind vermutlich neben den immer noch vorhandenen Erhebungsproblemen vor allem zwei Faktoren: Zum einen ist das Wachstum in der Industrie deutlich zurückgegangen. Ökonomischer Motor wird zunehmend der Dienstleistungssektor, der im vergangenen Jahrzehnt seinen Anteil an der Gesamtwirtschaft um zehn Prozentpunkte auf 51 Prozent ausgeweitet hat. Das könnte sowohl einen Rückgang der Frachtraten als auch einen Teil der auffallend geringen Zunahmen beim Stromverbrauch erklären. Zum anderen macht China offensichtlich erhebliche Fortschritte in Sachen Energieeffizienz, wie ein anderer Autor ausführt.

Der japanische Korrespondent macht darüber hinaus noch auf einige andere Gründe aufmerksam, weshalb der Li-Keqiang-Index "nicht mehr das ganze Bild" der Wirtschaftsentwicklung liefert. Unter anderem gehe der Anteil der Eisenbahnen am Frachtverkehr zurück, während der Transport auf der Straße wächst. Immerhin hat China trotz des anhaltend rasanten Ausbaus seines Eisenbahnnetzes derzeit erst etwa halb so viele Streckenkilometer wie die annähernd gleichgroße USA, die nur 23 Prozent der Einwohner Chinas hat.

Anzeige