China: Viele offene Fragen nach Explosion in Tianjin

Offenbar waren Chemikalien illegal gelagert worden. Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen aufgenommen, Behörden versuchen, Berichterstattung zu kontrollieren

In China gehen die Aufräumarbeiten und die Suche Vermissten nach einer schweren Explosion in der Hafenstadt Tianjin nahe Beijing (Peking) weiter. Dort war am Mittwoch vergangener Woche ein Speicher mit Chemikalien explodiert. Nach offiziellen Angaben, die die Nachrichtenagentur Xinhua zitieren, kamen dabei mindestens 114 Personen um. 57 weitere würden noch vermisst. Über 600 Menschen wurden so schwer verletzt, dass sie in Krankenhäuser eingeliefert werden mussten. Versicherungen rechnen mit einem Schaden, der in die Milliarden geht.

Unter anderem starben auch mindestens 50 Feuerwehrleute und einige Polizisten, die einen anfänglichen Brand löschen wollten und nicht über die Gefährlichkeit der gelagerten Chemikalien informiert waren. (Hier vermitteln Fotos einen Eindruck vom Ausmaß der Verwüstungen.)

Der Tod der Feuerwehrleute scheint zu bestätigen, dass die Lagerung der Chemikalien illegal war, wie verschiedene Zeitungen berichten. Zum einen sei die erlaubte Menge weit überschritten worden, zum anderen habe das Lager viel zu dicht an Wohnhäusern gestanden. Unter anderem wurde eine Massenunterkunft von Wanderarbeitern zerstört, sodass diese einen erheblichen Teil der Opfer stellen.

Die Nachrichtenagentur Xinhua schreibt, dass die 2011 gegründete Betreiberfirma des Speichers, Ruihai International Logistics Co. Ltd, zeitweilig ohne Genehmigung mit den gefährlichen Chemikalien gearbeitet habe. Die Nachrichtenagentur zieht unter anderem auch die offizielle Befragung eines Teils der Anwohner im Vorfeld der Eröffnung der Anlage in Zweifel. Demnach hätten die meisten der 128 befragten keine Einwände gehabt. Gegenüber der Agentur bestritten aber verschiedene Nachbarn, dass sie dem Lager zugestimmt haben. Alle involvierten Behördenmitarbeiter würden von der Oberstaatsanwaltschaft untersucht.

Der US Sender CNN berichtet, dass zehn hochrangige Manager von Ruihai International Logistics Co. Ltd festgenommen wurden. Als Vorstandsvorsitzender des Unternehmens wird Li Liang angegeben, der ein Neffe des ehemaligen Politbüro-Mitglieds Li Ruihan sein soll. Einem anderen Bericht zur Folge wurde gegen den Chef der staatlichen Behörde für Arbeitssicherheit, Yang Dongliang, ein Verfahren wegen der Explosion eingeleitet.

In der Bevölkerung scheint es offenbar erhebliches Misstrauen in die Strafverfolgung und die offizielle Informationspolitik zu geben. Die Behörden reagieren mit der Blockade von Webseiten und Informationen in sozialen Netzwerken, die unerwünschte Informationen und Fragen verbreiten, berichtet zum Beispiel TechinAsia. Sehr oft sei zum Beispiel ein Tweet gelöscht worden, in dem ein Feuerwehrmann berichtete, dass er und seine Kollegen keine Informationen darüber gehabt hätten, dass die gelagerten Chemikalien gefährlich mit Löschwasser reagieren würden. Auch die Deutsche Welle vermeldet eine Welle von Zensurmaßnahmen gegen unabhängige Berichterstatter und Soziale Medien.

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