Chinas erhoffter Baby-Boom findet nicht statt

Nur drei Prozent der 11 Millionen Familien, denen die Regierung ein zweites Baby zugestehen würde, haben bislang eine Erlaubnis beantragt

Nachdem die chinesische Regierung im letzten November eine Lockerung ihrer Ein-Kind-Politik verfügt hatte, hatten zumindest die Aktienmärkte einen Baby-Boom vorausgesehen und ziemlich euphorisch darauf reagiert. So schossen laut dem Finanznachrichtendienst Bloomberg etwa die Kurse von Milchpulver-Produzenten wie Biostime International und Yashili International und des Windel-Fabrikants Hengan International auf Rekordhöhen, wovon inzwischen aber nichts übrig geblieben ist.

So sind die Kurse der Baby-Caterer mittlerweile wieder unter ihre Ausgangsstände zurückgefallen, was an der ernüchternden Bilanz der Nationalen Gesundheits- und Familienplanungsagentur liegen dürfte. So waren dort bis Ende Mai nur rund 271.000 Anträge eingelangt und 241.000 bewilligt worden, was weniger als drei Prozent der 11 Millionen Familien ausmacht, denen neuerdings ein zweites Kind zugestanden würde, weil beide Eltern selbst Einzelkinder waren.

Das dürfte vor allem mit den hohen Kosten zusammenhängen. So kostet es laut der Credit Suisse Group im Jahr rund 23.000 Yuan (3.745 USD) ein Kind von der Geburt bis zum Aller von 18 Jahren großzuziehen, was 43 Prozent des durchschnittlichen Hauhaltseinkommens ausmache. Laut der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua müsse ein Paar aus Peking für ein Kind von der Geburt bis zum Studium im Schnitt 2,76 Millionen Yuan aufwenden, wofür ein Paar, bei dem beide das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen erzielen, theoretisch 23 Jahre "ohne zu essen und zu trinken" arbeiten müsste.

Laut UNO müsse China seine Geburtenrate jedoch von 1,66 pro Frau auf 2,1 erhöhen um die Bevölkerungszahl stabil zu halten, die andernfalls spätestens ab 2030 zurückgehen werde. So waren laut den letzten offiziellen Daten 2010 rund 178 Millionen Chinesen über 60 Jahre alt und 2050 bereits 437 Millionen. Bis dahin werde die Gesamtbevölkerung, die 2030 laut UNO mit 1,45 Milliarden ihr Maximum erreichen sollte, auf 1,38 Milliarden zurückfallen.

Ohne Trendwende wird es zu diesem Zeitpunkt mit den überdurchschnittlichen Wirtschaftswachstumsraten bereits längst vorbei sein, wobei China schon dieses Jahr mit voraussichtlich 7,4 Prozent der niedrigste Zuwachs seit 1990 vorausgesagt wird. Denn durch die wenigen Geburten werde die Wirtschaft zunehmend unter Arbeitskräftemangel leiden, was über steigende Lohnkosten die Inflation anheizen, die Exporte beeinträchtigen und eine Abwanderung der Industrie in billigere asiatische Länder fördern dürfte.

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