Das Chlorhuhn als Ablenkungsmanöver

Außer Kontrolle

Das Chlorhuhn wurde systematisch zum Symbol für TTIP aufgebaut. Wenn die USA nunmehr Bereitschaft signalisieren, auf dessen Export nach Deutschland zu verzichten, sind viele zufrieden. Zu Recht?

Um eine schmackhafte Pekingente zuzubereiten, muss deren Haut unversehrt sein. Bevor das Garen vonstatten geht, wird die Haut an einem Eckchen eingestochen und ein Strohhalm unter die Haut geschoben. Dann löst man durch kräftiges Pusten wird nunmehr die Haut vom Fleisch. Die Ente macht danach logischerweise einen aufgeblasenen Eindruck. So wird garantiert, dass das Fleisch saftig, die Haut jedoch knusprig wird.

Das Thema TTIP (Transatlantic Trade and Investment Partnership - Transatlantisches Freihandelsabkommen im allgemeinen Sprachgebrauch, offiziell: Transatlantische Handels- und Investitionspartnerschaft) hat seine eigene Peking Ente, nämlich das Chlorhuhn. Während es am Freihandelsabkommen zahlreiche kritikwürdige Aspekte gibt - z.B. die umstrittenen Schiedsgerichte, die mangelnde Transparenz (nicht nur) bei den Verhandlungen und die Gefahr eines überzogenen Investitionsschutzes für Unternehmen - wurde das Chlorhuhn mit Hilfe tatkräftiger Medien zu einem gigantischen Popanz aufgeblasen.

Das Chlorhühnchen versinnbildlichte die Gefahr, die dem Verbraucher einfach zu vermitteln war: demnächst haben wir alle nur noch genverseuchte Lebensmittel und Chlorhühnchen auf dem Teller. Tierschützer und Politiker arbeiteten sich an dem Thema ab, während in Österreich die Kronenzeitung große Kampagnen gegen das Chlorhuhn lancierte und so das ihre tat, um den Fokus weiter auf die Herabsenkung von Lebensmittelstandards zu lenken, die als die Gefahr des Freihandelsabkommens gesehen wird.

Das Konzept ging auf: das "Chlorhuhn" ist in aller Munde, während die Fragen, wieso die Verhandlungen so intransparent geführt werden bzw. welche Vorteile für den Verbraucher entstehen könnten, wieso es dazu des Abkommens bedarf und inwiefern die Schiedsgerichte und der Investitionsschutz problematisch sind, in den Hintergrund rückten und bei einem Großteil der Bevölkerung nicht angekommen sind.

Mit dem Streit um die "Nürnberger Würstchen", die nicht aus Kenntucky kommen sollen, wurde nun die nächste Nebelkerze gezündet, wobei nicht nur von den den teilweise nichtssagenden Herkunftsbezeichnungen abgelenkt wird, sondern zeitgleich auch noch publikumswirksam angekündigt werden kann, dass ggf. die USA bereit seien, bei dem Freihandelsabkommen Zugeständnisse zu machen.

Und wo wäre dies für die Bevölkerung beruhigender, wenn nicht dadurch, dass signalisiert wird, im Abkommen werde man eine Kennzeichnung für gentechnisch veränderte Lebensmittel festschreiben und auf die Importmöglichkeit von Chlorhühnchen verzichten? Sollten die USA tatsächlich auf diese beiden Klauseln verzichten, könnte das Chlorhuhn dazu führen, dass TTIP als nicht mehr so schlimm wahrgenommen wird, der Protest insofern erlahmt.

Die nächsten Ablenkungsmanöver dürften nicht mehr lange auf sich warten lassen und es sieht aus, als würden letztendlich der Bevölkerung nur Teilaspekte mitgeteilt werden, an der sie sich abarbeiten kann und bei denen sie letztendlich sogar das Gefühl haben kann, dass ihr Protest gehört und dementsprechend ein Sieg errungen wurde.

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