Das Gehirn älterer Menschen wird nicht leistungsschwächer

"Es weiß einfach mehr", behaupten Forscher der Uni Tübingen

Fitness ist das Ideal und Training sein tägliches Gebet. Ob das wie im Fall Gehirnjogging auch außerhalb von Sport und bestimmten Disziplinen und Techniken so funktioniert wie vorgestellt, ist noch unbewiesen (siehe Spiegel-Online Leser sollen trainieren). Dass kognitive Alterserscheinungen immer mehr in den kritischen Blick einer Gesellschaft geraten, die Reaktionsschnelligkeit und beständig aktivierbares kognitives Leistungsvermögen auf einer gewissen Fitnessstufe verlangt, ist als Forderung überall zu spüren wie auch die Angst, dass man im Alter nicht mehr mithalten kann.

Dies ist nicht nur subjektives Empfinden und Problem, wie die Einleitung zu einer wissenschaftlichen Untersuchung zeigt, sondern zieht in Zeiten der alternden Bevölkerungen in westlichen Industrieländern auch Fragestellungen nach sich, die auf die kognitive Fitness von Gesellschaften zielen. Sehr empfänglich für Fitnessfragen und Verfallserscheinungen, die mit dem Alter einhergehen, scheint die amerikanische Öffentlichkeit, wo jede Woche ein neues Wort für altersbedingte Fettpölsterchen auf den Markt kommt.

Diese Woche gibt’s good news in der New York Times. Dort wird auf die oben verlinkte Arbeit eines Teams von Linguisten verwiesen, die aktuell in der Zeitschrift Cognitive Science veröffentlicht wird. In der Rubrik "New Old Age" freut man sich über die Erkenntnis, wonach der Abbau der Gedächtnisleistungen möglicherweise nicht unbedingt nur auf Altersschwäche, die schon mit Mitte 20 einsetzt, zurückzuführen ist, sondern damit zu tun haben kann, dass das Gedächtnis von Älteren mit wesentlich mehr Erfahrungen und Wissensinhalten angefüllt ist als das von jüngeren, weswegen der Suchvorgang nach Namen und Formulierungen länger dauern kann.

Data mining, das auf Theorien der Informationsverarbeitung aufbaut, stelle das bisher vermittelte Bild vom Niedergang des Gedächntnisses im Alter infrage, heißt es hoffnungsfroh im Artikel der New York Times. Auf deutsch sind die Ergebnisse der Studie mit der Überschrift „Myths of Cognitive Decline“ zusammengefasst in einer Pressemitteilung der Universität Tübingen zu lesen. Von dort stammen nämlich die Sprachwissenschaftler, die federführend an der Studie beteiligt waren.

Demnach orientierten sich die Wissenschaftler bei ihrer Untersuchung von Gedächtnisleistungen an Computermodellen, die mit größeren und kleineren Datensätzen gespeist wurden, die einfache Analogie, die sie aus einer methodisch durchaus anspruchsvollen Versuchsanordnung zogen, ist, dass ältere Menschen größere Datenmengen durchsuchen müssen.

"Stellen Sie sich jemanden vor, der die Geburtstage von zwei Personen kennt und sich perfekt an diese erinnert. Würden Sie wirklich behaupten, dass diese Person ein besseres Gedächtnis hat, als jemand, der die Geburtstage von 200 Leuten kennt und in neun von zehn Fällen Person und Datum richtig zuordnen kann? Oder sie durchsuchen ein Buchregal mit 200 Büchern und eines mit 20 Büchern - bei welchem finden Sie ihre Informationen schneller?"

Erwachsene könnten im Vergleich zu jüngeren Teilnehmern sogar ihren Zuwachs an Wissen besser beherrschen, heißt es von Seiten der Wissenschaftler, da die Erwachsenen in einem Test zusammenpassende Wortpaare leichter merkten als unsinnige Zusammenstellungen. Erklärt wird dies damit, dass die Älteren im Laufe ihres Lebens ein besseres Verständnis dafür entwickelt hätten, wie Wörter im Sprachgebrauch zusammengehören.

Der Schluss, den die Wissenschaftler daraus zogen, ist, dass die Messung der kognitiven Fähigkeiten älterer Menschen anders gestaltet werden muss. Die bisher gängigen Tests zur Informationsverarbeitung älterer Menschen könnten dies nicht leisten, wird Michael Ramscar zitiert: "Das Gehirn älterer Menschen wird nicht leistungsschwächer, ganz im Gegenteil, es weiß einfach mehr."

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