Das Superökostromnetz

Mit einem neuen gigantischen Stromleitungsnetz könnte Europa seine CO2 Emissionen beträchtlich senken, behaupten Wissenschaftler

Eins der größeren Probleme der Windenergie ist die Distanz zwischen den Arealen, wo genügend Wind vorhanden ist, um viel Energie zu erzeugen, und den stärker besiedelten Orten, wo die Energie gebraucht wird. Ein etwa 8000 Kilometer langes Stromleitungsnetz, das von Sibirien bis nach Marokko, von Ägypten bis Island recht, könnte nach Vorstellungen von Wissenschaftlern das Problem beheben - und obendrein europäische CO2 Emissionen um ein Viertel kürzen.

Neue Gleichstrom-Hochspannungsleitungen (siehe HGÜ-Netze), die 100 mal so lang sein sollen wie die üblicherweise verwendeten Wechselstromleitungen, sollen als Hauptarterien dieses Supernetzes fungieren. Die HVDC-Leitungen sollen drei Mal so effizient sein und bei Entfernungen ab 80 Kilometer deutlich Kosten sparen, wie die britische Zeitung The Independent in ihrer gestrigen Ausgabe erläuterte.

Das Supernetz benötigt nach Informationen der Zeitung insgesamt eine Investition von 60 Milliarden Euro - plus die Kosten für die Windturbinen. Erstaunlich wenig Geld, so der Independent, wenn man dies mit der Summe vergleiche, welche die EU für die Reduktion der Treibhausgas-Emission von 20 Prozent bis 2020 zugrunde legt - etwa 1 Billion Euro. Auch die Durchschnittspreise für den generierten Strom lägen mit 4,6 Eurocents pro Kilowattstunde im normalen Bereich.

"Die Idee ist klar, die Zahlen überzeugend" – das meinte Hans-Arthur Marsiske in einem Telepolis-Artikel vor dreieinhalb Jahren. Schon im März 2003 machte Marsiske auf den Wissenschaftler aufmerksam, den auch der Independent als treibende Kraft hinter dem Supernetz identifiziert: den Deutschen Gregor Czisch von der Universität Kassel. Czischs Idee: ein "interkontinentales Ökostromnetz", das "regenerativen Strom aus Wind- und Wasserkraft, Sonnenenergie oder Biomasse, dort nutzt, wo es grundsätzlich oder saisonal am besten ist - etwa Windenergie in Nordeuropa, Wüstenstrom in der Sahara oder Biomasse in Zentraleuropa". Die Schwankungen bei Wind und Sonne – das andere größere Problem bei regenerativen Energien – ließen sich mit einem solchen Supernetz ausgleichen.

Strom, der von einem Windpark in Süd-Marroko produziert wird, könnte deutlich günstiger sein als der in Spanien produzierte Windstrom, so Czisch gegenüber Telepolis:

"Die Leitungen könnten Stück für Stück bis nach Deutschland verlängert und ausgebaut werden, mit Anzapfstationen, die auf dem Weg Leistung abzweigen, und sich zu einem Ringsystem oder auch zu einem Netz entwickeln." Nach und nach könnten auch in Nordafrika weitere Anlagen angeschlossen werden, solarthermische Kraftwerke, Fallwindkraftwerke, je nachdem, was für eine bestimmte Region am günstigsten ist. "In der Vielzahl von Regionen und Techniken, die zur großräumigen Stromversorgung beitragen, besteht ein großes Optimierungspotenzial."

An technischen Möglichkeiten liege es nicht, dass die Realisierung dieses Projekts nicht vorankomme, sagte Czisch im Frühling 2003. Allerdings hat die bereits 1945 erfundene Technologie auch einige Nachteile, die potentielle Investoren abschrecken: Unter anderem ihre hohe Anfälligkeit gegen Verschmutzung und Feuchtigkeit sowie ihre mangelnde Eignung für Überlasten und Abzweigungen.

Siehe dazu auch Craig Morris: Neue Stromnetze braucht das Land

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