Das deutsche Lagerdenken und der Umgang mit Migranten

Migranten sollen nicht als hilflose Wesen behandelt werden, sondern als eigenverantwortliche Individuen

Das von der linksliberalen Öffentlichkeit ausgerufene deutsche Spätsommermärchen ist zu Ende. Der deutsche Herbst hat sich nicht nur klimatisch durchgesetzt. Fast vier Wochen lang hatten die Taz und andere linksliberale Medien Deutschland als ein einig Land der Flüchtlingshelfer schön geschrieben, als wollten sich die Alt68er vergewissern, dass die von ihnen seit zwei Jahrzehnten behauptete Zivilisierung des Landes durch die 68er auch wirklich stattgefunden hat.

Schnell stellte sich heraus, dass es doch nur um die öde Diskussion um einen neuen deutschen Patriotismus ging, der jetzt mit der angeblichen Offenheit des Landes in Flüchtlingsfragen begründet wurde. Diejenigen, die vor zwei Jahrzehnten mit Rio Reiser über Deutschland "dieses Land ist es nicht" sangen, dann über mehrere Fußballweltmeisterschaft ihren Frieden mit Schwarz-Rot-Gold gemacht haben, wollen die deutsche Flagge jetzt auch im Alltag zeigen.

Miserabilismus - oder wer nicht mitfeiert

Nun muss auch die Taz zugeben, dass die Realität eben nicht als grünes Sommermärchen geschrieben werden kann. Heute ist die Stimmung gegen Geflüchtete der Aufmacher. Dabei hatte sich an den Angriffen gegen Flüchtlingseinrichtungen auch in einer Zeit nichts geändert, als die Taz das deutsche Spätsommermärchen ausrief. Nur wurde in diesen Tagen eben der Fokus nur auf helfende Deutsche gelegt.

Schließlich stören brennende Flüchtlingseinrichtungen auch, wenn man gerade den neuesten deutschen Patriotismus kreiert. Auch Untersuchungshaft und Strafverfahren für Menschen, die Geflüchtete ohne Geld über die Grenze gebracht hatten, fand man in den Tagen des deutschen Spätsommermärchens kaum.

Wer in diesen Tagen an die deutsche Realität erinnerte, wurde schnell mit dem Etikett des "Miserabilismus" belegt. Auch einst durchaus schlaue Köpfe wie die Philosophin Isolde Charim beteiligten sich daran. Mit diesen intellektuell daherkommenden Begriff werden Menschen bezeichnet, die eben nicht mitjubeln und sich einfach nur freuen, wenn wieder mal ein deutsches Sommermärchen ausgerufen wird und die immer dann, wenn wieder mal ein neuer Patriotismus ausgerufen wird, Rio Reisers Refrain einfällt: "Dieses Land ist es nicht."

Moralisierung und Infantilisierung der Migranten

Nun könnte man ja den linksliberalen Freunden eines weltoffenen Deutschlands zugute halten, sie wollen damit ja eine gute Sache - die der Unterstützung von Geflüchteten - vorantreiben Tatsächlich wird wahrscheinlich genau diese Selbstwahrnehmung bei vielen Menschen bestehen. Doch nüchtern betrachtet, werden die Interessen der Geflüchteten nicht damit befördert, dass man sich Deutschland als einig Helferland zurechtbiegt.

Zudem werden damit die Migranten in den Status von hilfesuchenden Menschen gehalten, die die edlen Deutschen brauchen, die ihnen die Hand reichen. Ein solches moralisierendes Bild erinnert stark an die Kampagnen von Hilfsorganisationen, die Spenden gegen Elend und Hunger in Afrika sammeln wollen. Da eignet sich als Eyecatcher immer gut eine Mutter, die mit ihrem Kleinkind im Arm vor einer ärmlichen Hütte irgendwo in der afrikanischen Steppe steht. Dass die Mehrheit der Menschen in Afrika heute in oder am Rande von Metropolen lebt wird, dabei einfach ausgeblendet.

Die Hilfsorganisationen benennen klar den Zweck dieser Art von Werbung. Ein Bild mit afrikanischen Teenagern in einem Internetcafé würde der Realität des Lebens vor allem junger Menschen im heutigen Afrika näher kommen, aber bei der Mehrheit der Menschen in Europa eher Abwehrreflexe als Spendenbereitschaft auslösen. Denn wir haben ein ganz klares Bild davon, wie ein Mensch aussehen und sich verhalten soll, wenn wir bereit sind, ihn zu unterstützen.

Das gilt nicht nur für Menschen in Afrika sondern auch für Migranten. Dass die nicht wie hilflose Kinder an die Hand genommen und in ein Flüchtlingsheim gesperrt werden wollen, wo sie monatelang verwahrt werden und geduldig auf die Essensausgabe und die Registrierung warten sollen, wird dann nicht zur Kenntnis genommen. Wenn sich die Menschen dann irgendwann gegen diesen deutschen Bürokratenalltag zur Wehr setzen, werden die Migranten als undankbar gescholten und Sicherheitsdienste und Polizei gegen sie eingesetzt.

Das geschieht in Berlin-Moabit und an vielen anderen Erstaufnahmezentren. Die Infantilisierung der Migranten kann durchaus schnell eine Spielart des Rassismus werden. Spätestens dann, wenn die Menschen eben eigenständig handeln und nicht wie Kleinkinder auf das erlösende Wort von der deutschen Mami oder dem deutschen Papi warten.

Da gab es schon bald Irritationen, als Geflüchtete, die nach Berlin verschubt werden sollten, unterwegs die Notbremse ziehen und den Zug verließen. Schnell wurde gefragt ,was denn der Grund gewesen sei. Auf den naheliegenden Gedanken, dass die Migranten vielleicht Freunde oder Verwandte in einen bestimmten Ort hatten und bei denen leben wollen und deshalb dort den Zug verließen, ist kaum jemand gekommen. Man hat sie ja auch nicht vor Fahrtantritt gefragt, wo sie eigentlich hinwollten.

Dass aber Menschen, die Tausende Kilometer hinter sich gebracht, dabei viel Geld ausgegeben haben, die zudem mit leistungsfähigen Mobilephones ausgestattet sind, um sich auf unbekannten Territorium zu orientieren, dann eben an ihren Ziel aussteigen, ist doch eigentlich naheliegend, wenn man sie als Menschen und nicht als Hilfesuchende betrachtet. So siegte auch in diesem Fall die moderne Technik gegen den deutschen Helferinstinkt und ein Lagerdenken, dass Menschen aus völlig unterschiedlichen Ländern und Lebensrealitäten zusammenzwingt und sich dann wundert, dass es Probleme gibt.

Deutsches Lagerdenken oder wenn es im Flüchtlingsheim knallt

Vor sechs Wochen wurden die schweren Auseinandersetzungen im Flüchtlingsheim im thüringischen Suhl noch nebenbei registriert. Jetzt zeigt der deutsche Rechtsstaat seine Zähne und leitet 50 Ermittlungsverfahren ein. 15 Migranten kamen in Untersuchungshaft. Sie müssen mit hohen Strafen und sogar mit Abschiebungen rechnen. Auslöser des Streits sollen dort unterschiedliche religiöse Praktiken gewesen sein.

In einer Flüchtlingsunterkunft bei Kassel soll ein Streit bei der Essensausgabe eine heftige Auseinandersetzung zwischen zwei Gruppen verursacht haben. Schnell werden alte Stereotypen über unterschiedliche Flüchtlingsgruppen und ihre Neigung zu Gewalt verbreitet. Es werden Konzepte für eine Trennung der Migranten nach Religion oder Herkunft diskutiert (vgl. Flüchtlinge: Getrennte Unterbringung als Schutz vor Gewalt?).

Dabei müsste doch die Konzentration von Menschen gegen ihren Willen in Sammellagern in der Kritik stehen. Damit fordert man solche Auseinandersetzungen gerade heraus. Man braucht nur einmal beobachten, wie oft aus nichtigen Anlässen an deutschen Supermarktkassen um den Platz in der Schlange gestritten wird, um zu ahnen, wie die Auseinandersetzungen ablaufen würden, wenn Tausende deutsche Staatsbürger über längere Zeit in solchen Sammellagern verbringen müssten.

Migranten sind keine hilflosen Wesen

Dabei ist unbestritten, dass die Migranten keine hilflosen Wesen sind, die von deutschen Helfern erlöst werden müssen Es sind Menschen mit unterschiedlichem politischen und religiösen Hintergrund. Natürlich werden unter Migranten auch menschenverachtende, antiemanzipatorische Ideologien vertreten, sei es der Islamismus, Antisemitismus, die Abwertung von Menschen aus anderen Ländern etc.

Erst, wenn man von dieser Grundannahme ausgeht und trotzdem für das Recht auf freie Mobilität eintritt, nimmt man die Migranten als Menschen ernst und macht sie nicht zu hilflosen Wesen. Deshalb ist es sehr wohl notwendig, dass auch über rechte Einstellungen offen diskutiert wird. Aber gerade nicht, um Argumente zu sammeln, um die Menschen abzuschieben, sondern um eine schnelle Integration durchzusetzen.

Ein gutes Beispiel ist der Leitartikel des Wissenschaftlichen Direktors des Zentralrats der Juden, Doron Kiessel, in der aktuellen Ausgabe der Jüdischen Allgemeinen Zeitung. Er geht dort auf Befürchtungen jüdischer Gemeinden ein, dass viele Migranten israelfeindliche und antisemitische Einstellungen mit nach Deutschland bringen könnten. Der Schlussabsatz des Artikels soll hier als ein Beispiel dafür zitiert werden, wie man Migranten nicht als hilflose Wesen sondern als eigenverantwortliche Individuen ernst nimmt:

Gleichwohl ist dieses Integrationsprojekt zum Scheitern verurteilt, wenn die notwendige Infrastruktur seitens der Aufnahmegesellschaft nicht zur Verfügung gestellt wird. Hierzu zählen Wohnungen, Arbeit, Sprachunterricht und Bildungsangebote. All dies wird nur im Zusammenhang mit einer konsequent durchgeführten Demokratieerziehung fruchten, deren Ziel es sein muss, die grundgesetzlich verankerten Rechte und Pflichten kennen, würdigen und befolgen zu lernen.
Sollten die hier genannten Integrationsbausteine ausbleiben, werden Befürchtungen, die in der jüdischen Gemeinschaft im Blick auf mögliche antisemitische und antiisraelische Einstellungen gehegt werden, sehr ernst zu nehmen sein. Frustrierte und ausgegrenzte Angehörige von ethnisch-religiösen Minderheiten reagieren häufig in Form einer religiösen Abkapselung und der Suche nach den Verantwortlichen für ihre Situation.
Die Empirie lehrt uns, dass in diesen Fällen Juden oder Israelis bevorzugte Ziele darstellen. Eine der Hauptaufgaben der politischen Bildung der Flüchtlinge wird es sein, ihnen zu vermitteln, dass sie in ein Land gekommen sind, dass ihnen nur dann eine Zukunft versprechen kann und will, wenn sie sich mit der Schoa und ihren Konsequenzen auseinandersetzen. Dies gehört ebenso zu den Pflichten einer reflektierten politischen Kultur wie der humane Umgang mit Flüchtlingen.

Es wäre nur hinzufügen, dass diese Demokratieerziehung auch viele Menschen absolvieren müssten, die einen deutschen Pass besitzen.

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