"Das ist eine wahre Bombe, das ist sehr explosiv."

"Internationale Konferenz zur zivilen Nutzung von Atomenergie": Sarkozy wirbt für Klimaschutz durch Kernkraft, Atomkraftgegner warnen vor größeren Sicherheitsproblemen französischer Druckwasserreaktoren

Das Geschäft mit ziviler Atomkraftnutzung verspricht Milliarden und Frankreichs Präsident Sarkozy will ganz vorne dabei sein. Die "internationale Konferenz zur zivilen Nutzung von Atomenergie", die gestern in Paris eröffnet wurde, geht auf seine Initiative zurück. In seiner Rede machte Sarkozy deutlich, wo er die Absatzmärkte für die französischen Kernkraftwerke sieht - in China, Indien - und in den Ländern des Nahen Ostens. Die geschäftlichen Interessen Frankreichs verpackte er geschickt als einen Beitrag zur internationalen Entwicklungsförderung. Sein Land sei sei bereit, "seine Erfahrungen mit dieser Technik mit anderen Ländern zu teilen", sagte er. Die Atomenergietechnik, wird Sarkozy zitiert, sei "ein entscheidendes Element" für die Berücksichtigung der Umweltprobleme. Namentlich "um den Klimawandel einzudämmen", brauche man die zivile Nutzung der Kernkraft ebenso wie die erneuerbaren Energien. Darüberhinaus könne man damit für eine "bessere Verteilung der Reichtümer" in der Welt sorgen.

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Das Glanzstück der Exportanstrengungen des französischen Präsidenten, der Druckwasserreaktor EPR, ist allerdings, wie sich bei dem großen Reaktoren-Deal in den Vereinigten Emiraten gezeigt hat, nicht so leicht zu verkaufen, weil andere Anbieter günstiger sind. Sarkozy reagiert darauf mit dem Argument der technologischen Überlegenheit der neuen Generation der Druckwasserreaktoren, insbesondere die Sicherheit. Die internationalen Standards sollten angehoben werden, fordert Sarkozy, "strikte Regeln" bei der Sicherheit, die von einer unabhängigen Stelle überwacht würden - damit der Preis nicht mehr das vorherrschende Marktkriterium sei.

Damit begibt sich Sarkozy allerdings auf dünnes Eis, wie die Probleme mit den EPR-Anlagen, die im Bau sind schon aufgezeigt haben, und worauf nun - im besten Timing zum Auftakt der Konferenz - eine Veröffentlichung der französischen Organisation "Ausstieg aus der Atomkraft" aufmerksam macht: mögliche eklatante Sicherheitsmängel der neuen Druckwasserreaktoren. Dokumente, die der Organisation über anonyme Mitarbeiter des Energiekonzerns EDF zugespielt wurden, weisen auf Risiken des Steuerungssystems hin. Das flexible Abstimmen der Reaktorleistung auf den jeweils geforderten Strombedarf, das wegen der damit einhergehenden technischen Effizienz als technischer Fortschritt der neuen Reaktoren herausgestellt wird, soll, wie die Unterlagen nahelegen, problematische Unfallsrisiken bergen. Die Sprecherin von Sortir du Nucléaire verweist in diesem Zusdammenhang auf Tschernobyl und spricht von einer "Bombe":

"Wir sind darüber beunruhigt, dass Atomkraftwerke überhaupt nicht dafür ausgelegt sind, mit unterschiedlichen Intensitäten umzugehen. Das kann zu Kontrollschwierigkeiten und gar zu einem Kontrollverlust führen, einem Unfall des Typs, wie er in Tschernobyl passiert ist. Das ist eine wahre Bombe, das ist sehr explosiv."

Ein anderer Mitarbeiter der Organisation präzisierte gegenüber France 24, dass bestimmte Steuerungsvorgänge des EPR-Reaktors einen Unfall in der Steuerelementbank herbeiführen könnten.

In einem heute veröffentlichten Gespräch mit dem Magazin Nouvel Observateur bekräftigt die Sortir du Nucléaire-Sprecherin, Charlotte Mijeon, die Sicherheitsvorwürfe, weist aber daraufhin, dass die zugeschanzten Dokumente noch einmal einer genauen Analyse von Experten unterzogen würden.

Die Sprecherin der EDF kontert die Vorwürfe mit dem Hinweis, dass es sich um ein Arbeitspapier handelt, wo auch die unwahrscheinlichsten Reaktionen des Reaktors in Betracht gezogen würden.

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